Kino / Portraits

Die Kunst des gepflegten Unterhaltens in rauen Zeiten

Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt moderieren seit zehn Jahren gemeinsam die "NDR Talk Show" (Freitag, 19. Januar, 22 Uhr, NDR)

Seit zehn Jahren sind sie ein kongeniales Duo - als moderierendes Doppel der altehrwürdigen "NDR Talk Show". Im Interview blicken Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt auf eine Zeit zurück, die es der Talk Show an sich schwer machte. Mittlerweile wird überall im Fernsehen geredet, doch das NDR-Kultformat - Meyer-Burckhardt moderierte es bereits zwischen 1994 und 2001 an der Seite Alida Gundlachs - blieb bestehen. Hier treffen sich Prominente mit Nichtprominenten und man versucht, wenn es gut läuft, ein persönliches Gespräch über die Dinge des Lebens zu führen. Im Interview zum Jubiläum, das am Freitag, 19. Januar, 22 Uhr, ansteht, reden die 43-jährige Starmoderatorin und der 61-jährige Medienveteran über die Kunst, ein gutes Gespräch zu führen.

teleschau: Vor welchem Gast hatten Sie in den vergangenen zehn Jahren am meisten Angst?

Barbara Schöneberger: Ich habe eigentlich nie Angst. Es gibt jedoch Leute, die bei mir so etwas wie leichten Stress verursachen. Meist sind es Menschen, die ich persönlich toll finde. So wie Max Raabe oder Matthias Schweighöfer. Bei denen will ich es dann besonders gut machen. Ich bin ein ausgesprochen harmoniebedürftiger Mensch und könnte es kaum ertragen, wenn jemand, den ich bewundere, denkt: Mein Gott, was stellt die denn schon wieder für blöde Fragen.

teleschau: Die "NDR Talkshow" ist bekannt dafür, zu ihren Gästen nett zu sein. Wären Sie manchmal gern bissiger?

Hubertus Meyer-Burckhardt: Nein, wir sind eine Sendung am Freitagabend. Da will man sich entspannen und aufs Wochenende freuen. Die Stimmung am Sonntagabend, wenn in der ARD "Anne Will" läuft, ist schon wieder eine ganz andere. Zu diesem Zeitpunkt rüstet man sich innerlich bereits für die Woche. Unsere Show lebt tatsächlich von einer guten Atmosphäre - was für mich durchaus etwas Politisches hat. Wir leben in einer Zeit, in der das Fremde wieder zunehmend diskreditiert wird. Es ist ein rauer Ton in die Gesellschaft eingezogen. Bei uns sitzen sehr unterschiedliche Leute mit gegenseitigem Respekt, die einander zuhören. Das finde ich gut.

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Barbara Schöneberger: Ich glaube, dass sich die Leute wieder verstärkt nach guter Behandlung und Respekt sehnen. Man sieht es daran, dass viele Formate, die in letzter Zeit erfolgreich waren, solche sind, bei denen man gut mit den Leuten umgeht. Ob das jetzt ein Guido Maria Kretschmer ist, der auch einer eher sehr kräftigen Frau im Minirock noch das Kompliment macht: "Ja, sie hat sehr schöne Fesseln" oder ob man auf "The Voice" schaut, wo den Sängern ebenfalls warmer Wind unter die Segel geblasen wird. Es gibt heute mehr Möglichkeiten als jemals zuvor, Menschen zu sagen, dass man sie nicht mag. Es ist sehr einfach geworden, andere zu diskreditieren. Wir wollen nicht auf einer Schleimspurt surfen, haben aber vor, in der Show auf respektvolle Weise mit Menschen umzugehen.

teleschau: Es gibt heute eine wahre Flut an Talkshows. Ist es schwieriger geworden, originell zu sein?

Barbara Schöneberger: Ich weiß es nicht. Man will vor allem ein gutes Gespräch führen. Da ist nicht oberste Priorität, besonders originell zu erscheinen. Es gibt aber schon etwas, an dem ich mich orientierte. Leute, die oft interviewt werden, neigen dazu, immer wieder die gleichen Geschichten zu erzählen. Wenn ich daran denke, wie oft ich bereits die Frage gestellt bekam, wie ich es schaffe, Beruf und Familie miteinander zu verbinden ... Um allzu routinierte Gespräche zu vermeiden, ist es wichtig, das Gespräch schnell auf eine sehr persönliche Ebene zu holen. Das ist unsere eigentliche Kernaufgabe, finde ich.

teleschau: Ist es ein Problem, dass in Talkshows mittlerweile meist abgeklärte Fragesteller ebenso abgeklärten Prominenten gegenübersitzen?

Meyer-Burckhardt: Es ist eines der größten Lebensrisiken, sich ab einem gewissen Alter oder Erfahrungsgrad in der Routine selbst zu gefallen. Wer damit anfängt, ist auf dem Weg zu einem wunderbaren Deppen. Man muss jedem Menschen mit Respekt und - wie ich finde - mit einer Prise Humor gegenübertreten. Dann steht einem guten Gespräch auch zwischen medienerfahrenen Menschen nichts im Wege.

teleschau: Welche Situation waren Ihnen in den letzten zehn Jahren am unangenehmsten?

Meyer-Burckhardt: Richtig schlimme Situationen hatten wir nicht, denke ich. Wenn ich aber an den Prinzen von Anhalt denke, muss ich sagen: Er war einfach unangenehm. Gut, dass Barbara ihm ziemlich klar die Grenzen aufgezeigt hat.

Barbara Schöneberger: Ja, diesen Talk erinnere ich als grenzwertig. Er hat sich mit dem Auftritt keinen Gefallen getan. Er war rechtspopulistisch und ein Macho, wie er zuletzt in den 80-ern bei manchen gerade noch so durchging. Ich dachte immer, er macht Witze - aber er meinte das ernst.

teleschau: Gibt es heute keine gute Streitkultur mehr im Fernsehen?

Barbara Schöneberger: Wir haben es tatsächlich nur ganz selten erlebt, dass sich zwei Gäste gegenseitig anmachten. Ich erinnere mich an Vera Int-Veen, die von einem anderen in der Runde ziemlich heftig kritisiert wurde, weil sie eine Sendung namens "Schwiegertochter gesucht" moderierte - in der eher Minderbegabte in Liebesdingen aneinander vermittelt wurden. Da sagte dann einer, so etwas wäre das Letzte. Ich weiß noch, wie ich in diesem Moment starkes Herzklopfen bekam.

Meyer-Burckhardt: Tatsächlich ist Streit nur ganz selten förderlich für die Qualität einer Talk-Sendung. Man kann das in unserer Runde gut beobachten. Wenn einer gegen den anderen ausfällig wird, gehen bei allen anderen sofort die Rollläden runter. Menschen verwandeln sich dann in Austern, geschlossene wohlgemerkt. Gerade die Nichtprominenten können mit so etwas kaum umgehen. Es ist ein biochemischer Prozess, der da in der Runde stattfindet - genau wie in einer Schulklasse. Jede Gruppe besitzt zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Grundstimmung, die am nächsten Tag schon ganz anders sein kann. Diese Stimmung gilt es zu erspüren, damit müssen wir arbeiten.

teleschau: Warum ist diese Stimmung so fragil oder wechselhaft?

Meyer-Burckhardt: Weil sich jede Gruppen-Atmosphäre aus den Stimmungen der einzelnen Mitglieder ergibt. Barbara und ich haben unsere Garderoben neben jenen der Gäste. Da hört man manchmal unfreiwillig Telefonate mit, auch weil die Wände ein bisschen dünn sind, aus denen man erfährt, dass Bestsellerautoren und Leute, die regelmäßig Blockbuster-Filme drehen, auch nur Menschen sind. Männer und Frauen, die traurig oder wütend darüber sind, weil sie sich eben mit ihrem Partner gestritten haben oder glücklich, weil ihr Kind gerade das Abitur geschafft hat.

Barbara Schöneberger: Wir selbst sorgen ja bereits für Beziehungsstress bei den Gästen, indem wir unsere Sendung am Freitagabend haben. Da sagt dann schon mal der ein oder andere Partner: "Schade, dass du am Wochenende auch schon wieder weg bist."

teleschau: Wenn man Zusammenfassungen früherer Talkshow-Jahrzehnte sieht, denkt man: Früher hat es dort mehr geknallt. Stimmt das oder liegt es nur an der Zuspitzung, weil man die Skandale der frühen Jahre verdichtet im Zusammenschnitt sieht?

Meyer-Burckhardt: Nein, es ging schon heftiger zur Sache früher. Die Gründe liegen auf der Hand. Wir leben wir nicht mehr in einer ideologischen Zeit. Nach der Bundestagswahl hätte die CSU um Haaresbreite mit den Grünen koaliert. Es gibt kaum noch ideologisch besetzte Themen. Charlotte Roche sprach bei uns mal über Schamlippen-Piercing. Da wäre vor 20 Jahren noch anschließend der Rundfunkrat zusammengetreten. Die Kirchenvertreter hätten eine Sondersitzung beantragt. Heute kriegen wir nach Roches Auftritt noch nicht mal mehr ne Mail.

teleschau: Aber ist der Vormarsch des Nichtideologischen, zumindest in Ihrer Sendung, nun gut oder schlecht?

Meyer-Burckhardt: Es liegt an der Betrachtungsweise. Ich sehe es positiv und sage, dass unsere Gesellschaft liberaler geworden ist. Man könnte aber natürlich auch kritisieren, dass die Menschen gleichgültiger geworden sind.

Barbara Schöneberger: Früher waren Talkshows eine moralische Instanz. Es moderierten ältere Herren mit Hochschulabschluss, die anders sozialisierte Menschen auch mal auf den heißen Stuhl setzten. Es wurde dann wie aus einer anderen Welt gefragt: "Warum sind Sie Prostituierte, wie können Sie so etwas tun?" - Alles war vom Tenor her sehr viel moralischer.

teleschau: Sind wir in allen Lebensbereichen liberaler als früher?

Meyer-Burckhardt: Nein, es gibt auch Bereiche, die sich gegenteilig entwickelt haben. Die "NDR Talk Show" mit Klaus Kinski wird heute wiederholt, weil er Alida Gundlach in der Sendung sagte, sie hätte einen hübschen Popo. Heute wäre das sexuelle Belästigung und Kinski ein Volldepp, der am Pranger stünde. Man findet heute kaum noch Leute, die sich unverstellt den Mund verbrennen. Keine Sepp Maiers mehr im Fußballtor und keinen Ilie Nastase mehr im Tennis. Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, hatte Medientraining. Und jeder bekommt einen Berater, der den Leuten eintrichtert: "Also wenn du das sagst, wird es eng mit dem Werbevertrag mit Nike." Das sind die Schattenseiten unserer fortgeschrittenen Mediengesellschaft.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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