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ShameJäger der Triebe

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Ist es Freiheit, die Brandon genießt? Oder ist er ein Gefangener der Leere? Der New Yorker ist Mitte 30, ein erfolgreicher Geschäftsmann, gut aussehend und ungebunden. Es gibt nur ihn und seinen Schwanz. Regisseur und Drehbuchautor Steve McQueen erkundet nach seinen beeindruckendem Spielfilmdebüt "Hunger" (2008) erneut die Seele des Menschen: "Shame" steigt hinab in ihre wollüstigen, schweißgetränkten Keller, wo der grandiose Michael Fassbender in der Hauptrolle an die Grenzen des Erträglichen gehen muss.

Brandon (Fassbender) ist ein Jäger seiner Triebe, die Revier sind mitnichten nur halbseidene Milieus. Die Beute ist allgegenwärtig. Bei einer Betriebsfeier in einem noblen Club zum Beispiel lässt eine gebildete, erfolgreiche Tresenschönheit seinen allzu plumpen Chef zwar abblitzen, nimmt Brandon aber in ihrem Wagen mit - unter eine schmuddelige Brücke für einen von allem emotionalen Ballast befreiten Quickie. Ihr geht's genauso wie ihm nur um die kurze Befriedigung.

In Brandons Welt herrscht Ordnung: Seine Wohnung ist spartanisch eingerichtet und aufgeräumt. Er lebt ein geregeltes Leben, den Takt gibt die Lust vor. Bis seine Schwester Sissy (Carey Mulligan) auftaucht und Unordnung mitbringt: Sie ist emotional, sucht Nähe und Rettung vor den Klauen der Großstadt. Für sie ist New York ein Moloch, dessen Anonymität ihr die Luft zum Atmen abschnürt.

"Wir sind keine schlimmen Menschen", hofft sie. "Wir kommen nur von einem schlimmen Ort." - "Shame" sagt viel aus über das Leben in der Hypermoderne. Die Menschen sind übersexualisiert und unfähig, Bindungen einzugehen. Wozu auch? Es ist so leicht, die Triebe zu befriedigen. Sex ist überall verfügbar: in Pornoheften und Internetvideos, mit Barbekanntschaften und U-Bahn-Flirts.

Brandon bringt das in einer Tischkonversation auf den Punkt. Beim ersten Date mit seiner Kollegin Marianne (Nicole Beharie), die eine romantische Vorstellung von der Zweisamkeit hat. Am nächsten Tag wird sie freilich auch in seinem Bett landen - und Brandon wird von ihrer Zuneigung überfordert sein.

Regungslos, antriebslos, mutlos: Brandon hat sich mit der Leere seiner Existenz arrangiert. McQueen inszeniert das in seinem intensiven Film großartig - mit klaren, penibel kadrierten Bildern, die kühl und emotionslos eine ungeheuerliche Wucht entfalten. Sie sind der Gegenpol zu den verschwitzten, provokanten Sexsexzessen, mit denen Brandon seinem Leben einen Sinn geben will: Es ist eine grandiose Tour de Force, die Hauptdarsteller Michael Fassbender absolvieren muss. Der in Heidelberg geborene und Nordirland aufgewachsene Schauspieler entblößt sich schonungslos - körperlich und seelisch.

Leere ist das Prinzip in Brandons Leben, und keine Prostituierten, keine Videochats, keine Masturbationen auf dem Firmenklo können das ändern. Aber Brandon sehnt sich - nach irgendetwas Menschlichem, auch wenn er es nie zugeben würde. Eine Träne ist das Symbol seiner Verzweiflung: Sissy singt in einer Bar den Evergreen "New York" - als reduzierten, todtraurigen Blues der Einsamkeit. Die Kamera verharrt stoisch auf ihrem Gesicht - nur einmal erlaubt ihr McQueen einen Schwenk in Brandons Gesicht, und das ist so berührend wie schmerzhaft - ein Kinomoment für die Ewigkeit.

Andreas Fischer

Kinofilm
FilmbewertungMeisterwerk
FilmnameShame
OriginaltitelShame
Starttermin01.03.2012
RegisseurSteve McQueen
GenreDrama
SchauspielerMichael Fassbender
SchauspielerCarey Mulligan
SchauspielerJames Badge Dale
Entstehungszeitraum2011
LandGB
Freigabealter16
VerleihProkino
Laufzeit100 Min.
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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