Musik / Backstage

"Es ist schwierig, immer ein braver Junge zu sein"

erinnert sich mit "Piano" an seine großen alten ABBA-Melodien

Benny Andersson (71) sitzt im Konferenzraum eines Hotels in Hannover und wartet auf seinen Auftritt in einer TV-Show. Er wirkt so normal, dass man beinahe vergisst, dass es sich bei ihm um eine Musiklegende handelt, die mit ABBA über 380 Millionen Tonträger verkauft hat. Auf seinem neuen Solo-Album "Piano" interpretiert er sowohl ABBA-Stücke wie "The Day Before You Came" und "Thank You For The Music" als auch andere Lieder aus seiner Karriere als Komponist, etwa aus dem Musical "Chess". Beim Gespräch grinst der Schwede schon mal verschmitzt und lässt seinen trockenen Humor durchscheinen, während er über sein Aussehen, rasante Autofahrten, die eigene Unsterblichkeit und natürlich auch ABBA sinniert.

teleschau: Herr Andersson, Sie verstehen sich als das erste "B" in "ABBA". Wenn man sich die Fotos aus dem Booklet Ihres "Piano"-Albums ansieht, könnte man meinen, Sie waren auch der erste Hipster, denn Sie trugen fast immer Bart!

Andersson: Seit 1968 trage ich ihn schon, ja. Das sind fast 50 Jahre. Ich fühlte mich immer wohl damit. Ich traue mich gar nicht, den Bart abzunehmen. Ich könnte mir damit im Spiegel selbst einen Schrecken einjagen. Aber mein Bart ist kein Hipsterbart, dafür müsste er länger sein. Es ist eh lustig mit den Hipstern: Keiner will einer sein, aber trotzdem gibt es eine ganze Menge von ihnen.

teleschau: Hipster klingt fast wie Hep Stars ...

Andersson: The Hep Stars war in den 1960-ern die Rockband, bei der ich vor ABBA spielte. Aus der Zeit stammt das einzige Foto des Booklets, auf dem ich keinen Bart trage. Dafür stehe ich vor meinem 1966-er Ford Thunderbird. Mir gefällt das Bild.

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teleschau: Autos mögen Sie immer noch, oder?

Andersson: Absolut. Ich habe einen flotten Porsche Macan. Und für Stadtfahrten in Stockholm benutze ich ein kleineres, umweltfreundliches Auto. Es ist zwar nicht elektrisch, aber steht auf der grünen Liste.

teleschau: Ihnen soll 2014 wegen einer Temposünde für zwei Monate der Führerschein entzogen worden sein. Ist der private Benny Andersson ein Geschwindigkeits-Junkie?

Andersson: Nein, aber das mit der Temposünde ist leider tatsächlich vorgekommen. Zweimal sogar. Es ist schwierig, immer ein braver Junge zu sein. Aber ich bin jetzt sehr bemüht und ganz entspannt hinterm Steuer - ich will den Führerschein ja nicht noch einmal abgeben müssen.

teleschau: Vielleicht sollten Sie doch lieber die deutschen Autobahnen ausprobieren?

Andersson: Bei euch kann man über weite Strecken so schnell fahren, wie man will, oder? Das klingt gut. Bevor wir in Schweden von Linksverkehr auf Rechtsverkehr wechselten, hatten wir auch kein Tempolimit. Das war 1968. Ich kann mich noch gut an die Hysterie erinnern, weil alle dachten, es würden bei der Umstellung massig Unfälle passieren. Aber ganz Schweden wechselte die Seiten, und es passierte rein gar nichts. Wir waren gut organisiert, fast so wie die Deutschen.

teleschau: Erinnern Sie sich noch gut an all die Auftritte, die Sie mit ABBA in den 70-ern in Deutschland gespielt haben?

Andersson: Klar. Wir waren ja viel bei euch und sehr diszipliniert. Wir waren oft in der "Starparade" und mimten zum Playback der neuesten Single. Später haben wir dann auch gerne mal einfach nur Videos von uns geschickt.

teleschau: Wissen Ihre sechs Enkelkinder, wer ABBA ist?

Andersson: Die ersten fünf schon. Der jüngste ist erst ein Jahr alt, der hat noch eine Gnadenfrist. Aber einer der Gründe, warum ich das "Piano"-Album gemacht habe, sind meine Enkel. Wenn ich tot bin, sollen sie etwas von mir haben, was sie sich anhören können: eine Platte, auf der ihr Großvater Klavier spielt.

teleschau: Sie interpretieren dafür nicht nur Songs von ABBA am Piano, sondern auch andere Lieder, die sie in den vergangenen 50 Jahren geschrieben haben. Haben die Stücke als Piano-Versionen eine andere Bedeutung für Sie?

Andersson: Die Komposition war immer zuerst da, bevor die Texte dazukamen. Für mich ist da zunächst keine Bedeutung, wenn ich versuche, die Musik zu schreiben. Ich sitze da, nehme, was kommt und warte darauf, dass etwas passiert.

teleschau: Und es ist oft etwas passiert ...

Andersson: Oh ja! (lacht)

teleschau: Wie finden Sie die Vorstellung, dass Leute Ihre Musik nun auch zu einem Candle-Light-Dinner spielen können?

Andersson: Das wäre ganz wundervoll. Diese Platte ist schon recht melancholisch und besinnlich, entspannt und sanft. Das ist übrigens der zweite Grund, warum ich sie "Piano" genannt habe, was ja das italienische Wort für "leise" ist.

teleschau: Und dass sich Menschen diese Musik womöglich auch über Ihr Handy anhören ...?

Andersson: ... ist nicht so schön wie bei einer CD, weil die Musik über das Handy Kompressionen unterliegt - aber was soll man machen?

teleschau: Planen Sie, das Album auch live zu spielen?

Andersson: Alleine auf Tour zu gehen, macht keinen Spaß. Deshalb eher nicht. Aber wenn ich mit dem Benny Anderssons Orkester in Skandinavien unterwegs bin, habe ich immer viel Freude mit all den Musikern auf der Bühne.

teleschau: Momentan arbeiten Sie schon am nächsten Projekt: dem zweiten Teil des Musikfilms "Mamma Mia!". Pierce Brosnan postete unlängst ein Foto von Ihnen beiden im Studio. Wie ist es für Sie, mit Nicht-Sängern an dem Soundtrack zu arbeiten?

Andersson: Pierce kann singen, er hat eine angenehme Stimme und gibt alles. Die Leute kriegen bei ihm nur leider den James Bond nicht aus dem Kopf. Sie behaupten dann, dass ihm so etwas Romantisches wie "SOS" nicht stünde. Meryl Streep kann definitiv auch singen, Amanda Seyfried ist ebenfalls eine großartige Sängerin. Und Lily James, das Mädchen, das die Hauptfigur spielt, hat auch eine unglaublich gute Stimme! Man tut diesen Leuten also Unrecht. Mir machen sie im Studio gar keine Probleme.

teleschau: Wie ist die Atmosphäre, wenn all die Hollywood-Legenden mit Ihnen im Studio sind?

Andersson: Das macht Spaß. Denn sie sind ja raus aus ihrer Bequemlichkeitszone, sie sind in einer Umgebung, die ihnen nicht wirklich vertraut ist. Und mir sind die Leute auch nicht wirklich vertraut. Beide Seiten sind also gleichermaßen gespannt, was passiert. Der Umgang wird dann ganz schnell cool und easy, und alle geben ihr Bestes.

teleschau: Die meisten bekannten ABBA-Songs haben Sie doch schon im ersten Teil von "Mamma Mia!" verbraten. Was kann da noch kommen?

Andersson: Es wird einen ganzen Song und zwei halbe aus dem ersten Film geben, weil diese so gut zur Story passen. Der Rest, es sind 18 Songs, sollte für Leute, die keine Hardcore-ABBA-Fans sind, nicht unbedingt geläufig sein. Es sind Lieder wie "When I Kissed The Teacher", "I Wonder" und "Angeleyes". Sie funktionieren in dem Kontext des Films prima, um die Geschichte zu erzählen. Und sie bringen eine Menge Spaß.

teleschau: Und als nächstes gibt es dann auch ein zweites "Mamma Mia!"-Musical?

Andersson: Vielleicht. Aber wir gehen einen Schritt nach dem anderen.

teleschau: Die Auflösung von ABBA liegt inzwischen 35 Jahre zurck. Wie erklären Sie sich den andauernden Wunsch des Publikums nach einer Reunion?

Andersson: Mir gefällt der Gedanke, dass es so ist, weil wir damals gut waren. Viele Songs und Aufnahmen waren gut. Und wir hatten Hits über einen ausreichend langen Zeitraum von zehn Jahren. Es hilft natürlich, dass die Lieder in Filmen wie "Muriels Hochzeit" auftauchten, dass Erasure und Madonna sich einiger Songs annahmen und noch einmal große Hits daraus machten. Dann kam vor 18 Jahren das Musical dazu. Vieles hat also für unseren Song-Katalog gearbeitet, obwohl ABBA seit 1982 nicht mehr existierten. Das ist ein bisschen wie bei den Beatles, die auch zehn Jahre durchzogen und bis heute präsent sind.

teleschau: Wer war denn näher dran am perfekten Popsong: die Beatles oder ABBA?

Andersson: Das kann man nicht vergleichen. Die Beatles sind meine Helden. ABBA sind auf einem anderen Planeten. Von den Beatles, den Kinks und den Beach Boys holten wir uns die Inspiration - das hört man unseren Songs auch an. Aber anders als besagte Bands sind wir aufgewachsen mit europäischer Musik, nicht mit der angelsächsischen. Da ist also ein Element in unserer Musik, das sie nicht in ihrer Musik haben. Ich hörte beispielsweise deutsche Lieder wie Lolitas "Seemann, deine Heimat ist das Meer" oder das italienische "Volare". Die Songs liefen im schwedischen Radio. Ich glaube, das ist ein Grund, warum wir so erfolgreich wurden. Aber was weiß ich schon (lacht).

teleschau: Es soll eine ABBA-Hologramm-Tour geben, für die Sie Ihren Körper bereits haben vermessen lassen.

Andersson: Ob das in Form von Hologrammen geschehen wird, wissen wir noch nicht. Es sind digitale Versionen von uns, so viel ist sicher. Die Technik gibt uns verschiedene Möglichkeiten, auf der Bühne zu stehen, ohne wirklich da zu sein. Wir sondieren das gerade. Es ist mehr Arbeit, als wir am Anfang annahmen. Aber es soll ja auch etwas Unvergleichbares werden. Es wird so nah dran sein am ursprünglichen Konzerterlebnis, wie es nur sein kann.

teleschau: Ist es ein komisches Gefühl, dass die Show noch da sein wird, wenn Sie schon lange gegangen sind?

Andersson: Noch sind die Verträge nicht unterschrieben. Wir könnten also noch verfügen, dass sie das Spektakel nach unserem Ableben nicht mehr zeigen dürfen. Aber das wäre natürlich Quatsch.

teleschau: Unsterblichkeit ist also wichtig für Sie?

Andersson: Nein. Niemand von uns hat überhaupt damit gerechnet, dass nach so vielen Jahren noch ein Bedürfnis nach ABBA bestehen könnte und die Musik immer noch relevant ist. Als wir 1982 aufhörten, dachten wir, dass wir vielleicht noch in den Genuss von Tantiemen aus Spanien, Argentinien oder Japan in den nächsten zwei, drei Jahren kommen könnten. Pop war damals kurzlebig. Aber bei uns hörte es nie auf. Niemand hat das erwartet. Man kann also nur dankbar, bescheiden und glücklich darüber sein, dass wir auf unsere Art immer noch da sind.

Katja Schwemmers

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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