Musik / Backstage

Haben Frauen ein Geheimnis?

spricht über sein neues Album "Die Stadt & das Mädchen"

Bernd Begemann sang bereits auf Deutsch, als es noch total uncool war. 1987 veröffentlichte er mit seiner Band "Die Antwort" das Album "Unten am Hafen". Es hatte maßgeblichen Einfluss auf die so genannte "Hamburger Schule", aus der Bands wie Blumfeld und Tocotronic hervorgingen. Dennoch blieb der 1962 geborene Entertainer und stille Pate des heutigen Deutsch-Pop-Phänomens immer ein skurriler Sonderling. Dies dürfte sich auch mit seinem neusten Projekt nicht ändern. In "Die Stadt & das Mädchen" überarbeitet Begemann zwölf eigene Songs über junge Frauen aus den letzten 30 Jahren zu einem Liederzyklus im Stile der Deutschen Romantik. Auf einer am 22. Januar in der Hamburger Elbphilharmonie beginnen Tour wird er sie im Duo mit dem Pianisten Kai Dorenkamp vortragen. Ergibt es Sinn, dass männliche Popsänger Frauenporträts im Stile Robert Schumanns und Franz Schuberts intonieren?

teleschau: Sie haben Ihre Songs aus den letzten 30 Jahren noch einmal im Stil eines romantischen Liederzyklus aufgenommen. Wie kommt ein Popmusiker auf eine so verrückte Idee?

Bernd Begemann: Der konkrete Anlass war, dass mich diese Musik an mein Elternhaus erinnert. Dort wurde viel aus der Zeit der Romantik gehört. Das Haus, in dem ich aufwuchs, wurde platt gemacht, abgerissen. Wir mussten es verkaufen, weil wir das Geld für die Pflege meiner Mutter brauchten. Sie ist im letzten Jahr gestorben. Das Ganze war ein Schock für mich. Vielleicht ist das Album der Versuch, die Klänge aus diesem Haus wieder auferstehen zu lassen.

teleschau: Welche Musik hörte man damals bei Begemanns?

Begemann: Mein Vater liebte klassische Musik. Die italienischen Opern, vor allem aber romantische Lieder: Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey, Peter Schreier. Ich lehnte diese Kultur damals ab, weil sie mir steif und formalisiert vorkam. Trotzdem schleiften mich meine Eltern in die Konzerthalle mit, es kam mir vor wie ein leeres Ritual. Jetzt habe ich mich zum ersten Mal sehr liebevoll daran erinnert. Und mir diese Platten von damals mal in Ruhe angehört. Fantastisch! Gerade Hermann Prey singt so warm und liebevoll, dass einen dieses Gefühl, diese Sehnsucht in der Musik total erreicht.

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teleschau: Ergibt es Sinn, wenn ein Popsänger in diesem doch sehr ungewöhnlichen Stil singt?

Begemann: Ja, durchaus - wenn man den klassischen Sänger nicht nachäfft. Nehmen wir das Stilmittel Mikrofon. Klassische Sänger singen ohne - das ist athletisch beeindruckend, macht für mich aber wenig Sinn. Es ist so, als würde man sagen: Filme sind sinnlos, weil es doch Theater gibt. Nein, es sind zwei unterschiedliche Kunstformen. Singen mit Mikrofon arbeitet kleine Nuancen heraus, es macht leise Gefühle hörbar. Warum sollte man darauf verzichten? Ich finde, man kann als ungelernter Sänger durchaus etwas Eigenes aus diesem Material herausholen. Natürlich nicht in Konkurrenz zum ausgebildeten klassischen Sänger. Mein Stil ist eher der eines Volks- oder Operettensängers, der vom Bühnenrand schmettert. Ich will ja vor allem Geschichten erzählen.

teleschau: Ihr Liederzyklus erzählt Frauenporträts. Nicht aus der Sicht des liebenden Mannes, sondern eher aus der eines Beobachters oder Freundes. War Ihnen bewusst, dass Sie so viele Lieder dieser Art über Frauen geschrieben haben?

Begemann: Ja. Das liegt daran, dass ich für einen heterosexuellen Mann einen ziemlich schwulen Geschmack habe. Ich weiß, dass ich hetero bin, weil ich echt versucht habe, schwul zu sein - aber es hat nicht geklappt (lacht). Ich mochte immer Sachen, die viele Schwule mögen: Disco und Glitzer, Donna Summer. Ich mochte Joan Crawford, Bette Davis oder Frauenfilme wie "Mildred Pierce". Jemand hat mal analysiert, dass ich sechs Arten von Songs habe: Autofahrlieder, Heimatlieder, kommunistische Propaganda, Sittenbilder, Liebeslieder und Frauenschicksale. Der letzten Kategorie habe ich nun diesen romantischen Liederzyklus gezimmert.

teleschau: Inwieweit finden Sie Frauenschicksale auf andere Art interessant als die von Männern?

Begemann: Vielleicht ist es eine Art von Mystizismus. Aber ich hatte immer das Gefühl: Wenn ich eine Frau verstehe, erfahre ich ein wesentliches Geheimnis des Lebens. Ich möchte nicht das Klischee bemühen, dass ein Mann Frauen nicht verstehen kann. Frauen sind genauso schwer zu verstehen wie Männer. Menschen an sich sind schwer zu verstehen. Für mich als Hetero-Mann sind Frauen faszinierender, weil sie eben ein bisschen anders sind als ich. Ich habe viel von Frauen gelernt. Durch meinen Umgang mit ihnen. Durchs Zuhören.

teleschau: Was können Frauen besser als Männer?

Begemann: Schwer zu sagen. Ich habe viele Frauen kennengelernt, die in traditionell männlich besetzten Feldern extrem gut waren. Ich habe sehr viele kluge Frauen getroffen. Andererseits durfte ich auch viele blöde Frauen kennenlernen, genauso viele wie Männer. Mein Gefühl sagt mir, dass sich die Geschlechter immer mehr angleichen, vor allem in der Großstadt. Niemand bügelt mehr (lacht). Sogar die um sieben Jahre höhere Lebenserwartung der Frauen gegenüber den Männern gleicht sich in den letzten Jahren immer mehr an.

teleschau: Sie sind also fasziniert von Frauengeschichten, ohne zu wissen, was Frauen wirklich anders machen?

Begemann: Ich finde die meisten Geschlechter-Klischees extrem altmodisch. Vor allem sexistische Comedians regen mich wahnsinnig auf. Jene Typen, deren Witze immer darauf basieren, dass Frauen dies und Männer das machen. Ich kenne Männer, die mehr Dinge dauerhaft in ihren Rucksäcken mit sich führen, als in einer prall gefüllten Damenhandtasche Platz fänden. Mir sind sogar Männer mit Schuh-Ticks bekannt.

teleschau: Was ist mit der Annahme, dass Frauen eine höhere soziale Intelligenz mitbringen? Dass sie Emotionales besser zwischen den Zeilen lesen können?

Begemann: Absoluter Quatsch! Ich kenne Frauen, die sind so gefühlskalt, dass man es kaum aushält. Auf der anderen Seite gibt es Männer, die sofort in Tränen ausbrechen, wenn sie auf der Straße einen Hund mit drei Beinen sehen. Das können wir auch! Das Geschlecht wird insgesamt überbewertet. Wir sollten froh sein, wenn wir im Leben einen Menschen finden, mit dem man in gegenseitiger Empathie zusammenleben will. Viele Menschen sind allein deshalb unglücklich, weil sie es nicht geschafft haben, so jemanden zu finden.

teleschau: Lernt man aus Ihren Frauengeschichten etwas allgemein Gültiges über das Leben?

Begemann: F. Scott Fitzgerald hat mal gesagt: Wenn man einen Menschen wirklich exakt beschreibt, hat man etwas allgemein Gültiges. Wenn man dagegen versucht, einen Typen zu beschreiben, hat man gar nichts. Deshalb bin ich für Fitzgerald und gegen Bertolt Brecht.

teleschau: Aus allen Frauen, über die Sie in Ihrem Leben geschrieben haben, wird durch den Liederzyklus "Die Stadt & das Mädchen" so etwas wie eine Frau. Führt das nicht in die Irre?

Begemann: Nein, das finde ich nicht. Unterm Strich ergibt sich für mich eine Frau. Es ist die, der ich mich nähern konnte.

teleschau: Lassen Sie uns noch mal auf die Romantische Musik zurückkommen. War sie nicht eine Art Prototyp von Popmusik? Vor allem wegen der großen Leidenschaft, die in ihr drinsteckt?

Begemann: Ja, das kann man sagen. Viele Menschen jener Zeit waren der Meinung, dass es nicht gut sei, wenn junge Mädchen mit Romantik in Berührung kämen. Väter zerrissen die Heinrich-Heine-Bände ihrer Töchter und schmissen sie auf den Müll. Romantik bedeutet jedoch viel mehr als nur Liebe zwischen Mann und Frau. Es gibt dunkle Romantik, aber auch nationalistische Romantik. Vor allem geht es darum, dass man die Umgebung empathisch durchdringt.

teleschau: So wie es auch gute Popsongs tun?

Begemann: Ja. Romantik heißt, dass man die Welt durch die Kraft der Poesie verzaubert. Das finde ich nicht schlecht. Ich hatte immer das Gefühl, dass Lieder das können. Deshalb singe ich auch so gerne und möchte kein Buch schreiben. Für mich ist Lieder zu singen die kraftvollste, anrührendste Sache, die ich mir im Leben vorstellen kann. Deshalb habe ich mir dieses Leben ausgesucht und höre auch nicht mehr damit auf.

teleschau: Ist die dunkle Romantik nicht auch ziemlich nah an dem, was die großen Außenseiter des Pop schufen? Kurt Cobain, Morrissey von The Smiths oder Leonard Cohen?

Begemann: Ich war nie ein depressiver Typ und kann nicht viel dazu sagen. Es gibt dieses Klischee in der Kunst und insbesondere im Pop, dass traurig gleichbedeutend mit tiefgründig ist. Ich finde, das Gegenteil ist richtig. Alle Leute, die sich in ihre schlechten Gefühle reinfallen lassen, ohne wirklich klinisch depressiv zu sein, sind Idioten. Sich absichtlich traurig zu machen, ist der größte Schwachsinn, den man im Leben verzapfen kann. Unser Leben ist nicht furchtbar, solange man einen gesunden Körper hat und agieren kann. Wenn noch dazu der Kühlschrank voll ist und man nicht jeden Tag in einem Salzbergwerk arbeiten muss, ist man super privilegiert. Junge Leute, die glauben, dass sie tiefer, mystischer und interessanter sind, weil sie sich traurig geben, haben mich schon genervt, als ich noch selbst jung war.

teleschau: Es gibt also auch fröhlichen Pop, fröhliche Kunst mit Tiefgang?

Begemann: Es gibt auf jeden Fall eine Poesie des Handelns, des aktiven Begehrens. Einen Zauber der Aktion. Das fand ich, ehrlich gesagt, immer interessanter. Deshalb mochte ich The Cure nie. The Smiths sind ein anderer Fall: Morrissey ist ein großer Humorist und Schelm. Die meisten Smiths-Songs sind sehr lustig. Auch deshalb, weil man ihnen anhört, dass Morrissey schon immer Teenager-Jungs heiß fand. Wer das nicht merkt, hat seine Lieder nie richtig verstanden. Ich finde, es gibt sehr viel Pop und Kunst da draußen, die von Hörern und Kritikern trauriger und lebensverneinender gemacht wird, als sie vom Künstler gemeint war.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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