Dienstag, 22.05.2018
10:02 Uhr


Musik / CD

Franz Ferdinand"Lass uns mit dem Brexit gar nicht erst anfangen"

veröffentlichen ihr neues Album "Always Ascending"

Die Schotten-Rocker Franz Ferdinand haben sich einer Frischzellenkur unterzogen. Ein neuer Look, ein neuer, euphorischer Sound, zwei neue Bandmitglieder und mit Philippe Zdar (The Rapture, Phoenix, Justice, Cassius) holten sie sich für ihr fünftes Album auch noch einen Spitzenmann an die Studioregler. Im Interview zu "Always Ascending" verrät Komponist, Sänger und Gitarrist Alex Kapranos (45), dass sein erblondeter Schopf ein Unfall war, verrät, wie er die weltweite politische Lage sieht und warum er jetzt auch Lieder über das britische Gesundheitssystem schreibt.

teleschau: Mr. Kapranos, nach einer kleinen Pause soll 2018 wieder ein großes Jahr für Franz Ferdinand werden. Wie läuft das Jahr bisher für Sie?

Alex Kapranos: Sehr gut! Ich bin immer noch dabei, meinen Neujahrsvorsatz durchzuziehen. Eigentlich ist der seit fünf Jahren immer derselbe: Vom 1. Januar bis zu meinem Geburtstag am 20. März trinke ich keinen Alkohol. Dieses Jahr ist allerdings es echt schwierig, weil ich ständig von trinkenden Männern umgeben bin (lacht). Aber ich freue mich schon auf den ersten Drink an meinem Ehrentag!

teleschau: Es hat sich im Umfeld Ihrer Band zuletzt einiges verändert. Und dann sind Sie auch noch erblondet ...

Kapranos: Das war ein Unfall! Eigentlich wollte ich mir die Haare silber färben lassen, weil es gut zum futuristischen Look des Videos zur Single "Always Ascending" gepasst hätte. Aber das hat nicht funktioniert: Das Silber wollte sich mit meinem bereits gebleichten Haar nicht verbinden. Deshalb bin ich nun blond. Aber ich habe trotzdem Spaß damit.

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teleschau: Ihre gemeinsame Platte mit den Sparks unter dem Namen FFS erschien 2015. Trotzdem fühlt es sich an, als wären Franz Ferdinan eine Ewigkeit weg gewesen.

Kapranos: Ich selbst habe immer das Gefühl, dass wir ganz schön rastlos sind. Aber es stimmt schon, das letzte reguläre Franz-Ferdinand-Album liegt fünf Jahre zurück. Zwischendurch mit Ron und Russell von den Sparks aufzunehmen, war inspirierend und erfrischend zugleich. Das hat uns gezeigt, dass es möglich ist, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten und etwas Cooles und Überraschendes entstehen zu lassen. Das machte auch die einschneidenden Veränderungen in der Besetzung von Franz Ferdinand einfacher.

teleschau: Gründungsmitglied Nick McCarthy, der das Publikum hierzulande gern mit seinen spaßigen deutschen Ansagen unterhielt, hat die Gruppe leider verlassen.

Kapranos: Ja, es ist schade, aber Nick wollte mehr Zeit für seine Familie haben. Und ja, er konnte in der Tat fließend Deutsch sprechen! Ich werde die Verantwortung dafür an Paul (Schlagzeuger Paul Thomson, d. Red.) weiterreichen. Er ist der eigentliche Linguist der Band. Ich fordere alle dazu auf, sein Vokabular auf der anstehenden Tour zu testen!

teleschau: Die Band ganz aufzulösen, kam für Sie nicht infrage?

Kapranos: Wir wussten ja schon vor der Tour mit den Sparks, dass Nick aussteigen würde. Wir hatten also genügend Zeit, um uns auf die Situation einzustellen. Ich fragte Bob und Paul: "Seid ihr weiterhin dabei?" Und sie sagten: "Na, klar!" Danach haben wir nie wieder ein Wort darüber verloren.

teleschau: Sind Franz Ferdinand mit den zwei neuen Bandmitgliedern - Dino Bardot an der Gitarre, Julien Corrie am Keyboard - eine neue Band?

Kapranos: Ja und nein. Egal, welchen Song man sich von der neuen Platte anhört - man weiß sofort, dass es Franz Ferdinand sind. Gleichzeitig fühlt sich alles so belebt an. Wir machen auf dieser Platte Sachen, die wir nie gemacht haben. Der Sound und das Songwriting sind schon anders. Es ist kein ganz neues Buch, eher ein neues Kapitel des Buches.

teleschau: Sie bezeichnen den neuen Sound als "Experimental Disco Rock". Ist das eine Reaktion darauf, dass konventionelle Rockmusik zunehmend an Bedeutung verliert und immer wieder für tot erklärt wird?

Kapranos: Ach, Journalisten behaupten das immer wieder, das ist doch langweilig. Vier Jahre nach unserem Debüt predigten dieselben Medien, dass Tanzmusik tot sei und der Rock zurückkäme. Ich fühle mich genauso verbunden mit Dance und elektronischer Musik wie mit Rock oder Folk. Es ist alles Musik. Für mich ist die Hauptsache, dass ich von Musik überrascht werde. Und Rockmusik ist ganz sicher nicht tot.

teleschau: Der Sound Ihres neuen Albums wirkt geradezu euphorisch. Wollen Franz Ferdinand die bedrückende Stimmung in der Welt einfach wegfeiern?

Kapranos: Das ist wohl so. Man kann gar nicht anders, als darauf zu reagieren, was momentan in der Welt geschieht. Da sind so viele depressive Dinge. Jedes Wahl-Ergebnis der letzten zwei Jahre hat nichts als Verzweiflung und Uneinigkeit gebracht. Die einzige Wahl, die mir etwas Hoffnung gab, war die in Frankreich, als Le Pen nicht gewonnen hat. Lass uns mit dem Brexit gar nicht erst anfangen. Oder mit dem orangeroten Tycoon auf der anderen Seite des Atlantiks, der den Finger am Atomkriegsknopf hat. Es ist, als würden alle Albträume wahr werden.

teleschau: In dem Zusammenhang wirkt das Stück "Huck & Jim" besomders kritisch.

Kapranos: Stimmt. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mal einen Song über das britische National Health System schreiben würde. Aber die NHS hat mein Leben gerettet - vier oder fünf Mal sogar. Ich bin chronischer Asthmatiker. Als Kind wurde ich mehrmals mit dem Notarzt ins Krankenhaus gebracht. Ich habe viel Zeit im Hospital verbracht. Ein funktionierendes Gesundheitssystem ist Teil einer menschlichen Zivilisation. Ebenso gehört für mich dazu, sich um die Armen zu kümmern, damit sie Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf haben. Und allen Menschen Bildung zu ermöglichen. Wenn man heutzutage nach Amerika blickt, scheint durch diesen einen Typen all das Erreichte in Gefahr zu sein. Er zerstört diesbezüglich alles, was Obama verbessert hat. Das war mir einen Song wert.

teleschau: Auf dem Album besingen Sie den "Lazy Boy". Sind Sie selbst dieser faule Junge?

Kapranos: Das bin ich, der Song ist tatsächlich autobiografisch! Okay, ich bin nicht ständig faul. Ich liebe, was ich mache. Was die Musik betrifft, arbeite ich sogar recht hart. Aber es gibt Zeiten, wo ich einfach gerne rumliege und faulenze. Mit diesem Song zelebriere ich das Nichtstun, denn viel zu oft fühlen wir uns dafür schuldig. Deshalb mein Aufruf an alle: Umarmt die Faulheit!

Katja Schwemmers

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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