Musik / CD

Isolation Berlin: Vergifte dichNoch immer kaum Hoffnung

Verzweiflung, Traurigkeit, Melancholie, auch Wut und Selbstmitleid: Selten wurde jene Fülle an Emotionen in deutscher Sprache intensiver besungen als 2016 auf dem Langspieler-Debüt "Und aus den Wolken tropft die Zeit" der Band Isolation Berlin. Nun legen die Hauptstädter nach: Das zweite reguläre Studioalbum "Vergifte dich" liefert abermals einen intimen Einblick ins zerbrechliche Seelenleben von Leadsänger Tobias Bamborschke. In abwechslungsreichen Arrangements zwischen 80er-Postpunk und rotzigem Großstadt-Pop verliert er sich gemeinsam mit den drei Bandkollegen in den Tiefen zwischen Liebe und Trennung, Euphorie und Enttäuschung, deprimierender Schwermut und der Freude an selbiger.

Das allfällige Klischee vom "schwierigen zweiten Album" haben Isolation Berlin clever umschifft: Mit "Berliner Schule/Protopop" veröffentlichten die Newcomer vor zwei Jahren zeitgleich zum Debüt eine Platte, auf der die Songs vorheriger EPs auf Albumlänge und in Albumqualität arrangiert waren. So ist der vorliegende neue Langspieler "Vergifte dich" zwar nominell das zweite, gefühlt aber das dritte echte Album jener Band, die 2016 bereits als Vorreiter einer neuen Welle anspruchsvoller, mitreißender deutschsprachiger Rockmusik gefeiert wurde.

Der Hype bezog sich auf die aufregenden, wenn auch aus früheren Zeiten wohlbekannten Postpunkpop-Eskapaden, aber auch auf den melancholischen Schmerz jener Lyrics, die einen dazu verleiteten, Sänger Tobias Bamborschke direkt in den Arm nehmen zu wollen. Weniger deprimiert, schwermütig und perspektivlos gibt sich der junge Mann, der auch mit einem Gedichtband als depressiver Großstadt-Lyriker reüssierte, auf dem neuen Album keineswegs.

"Wenn du mich suchst, dann findest du mich am Pfandflaschenautomat - da hol ich mir zurück, was mir gehört", beginnt das Album mit dem großartig hymnischen Stück "Serotonin" pathosfrei und pragmatisch, um schließlich weiterzuwüten: "Ich schwöre dir, ich schlage heute ein paar Fressen ein." Fehlen darf auch der obligatorische Bezug zur Hauptstadt als wesentlicher Protagonist nicht: "Mitten in Berlin träume ich von Wien" - eine Anspielung auf die frühe Großstadtmelancholie der Wiener Band Ja, Panik, an die Isolation Berlin bisweilen erinnern?

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Wer auf "Vergifte dich" irgendwo Hoffnung erwartet, muss suchen. Der Titelsong immerhin beginnt mit "Wenn du keinen Sinn mehr siehst - jede Nacht nur Nietzsche liest" und propagiert dann die Drogen der Berliner Nacht als einzigen sinnvollen Ausweg aus der ausführlich thematisierten Sinnkrise. "Wenn ich eins hasse, dann ist es mein Leben", offenbart Bamborschke danach im gleichbetitelten Stück, das sich ebenso überzeugend postrockig dahinschleppt wie der Song "Melchiors Traum", in dem es heißt: "Ich bin schrecklich verwirrt". Ja, das ist er wohl.

Der Grund für Bamborschkes Wehmut liegt, wie so oft und wie schon auf dem Vorgänger, vor allem in der (gescheiterten) Liebe begründet, in der Enttäuschung und der Einsamkeit. Noch immer läuft er "dieselben Wege" ab "in der Hoffnung dich noch mal wiederzusehen" und bekennt in einem balladigen Song: "Vergeben heißt nicht vergessen." Er scheint ein empfindsamer, schwer verletzter und gebeutelter junger Mann zu sein.

Mit "Marie" findet auch das schon bekannte Frauennamenbesingen eine vorhersehbare Fortsetzung, ebenso wie die Massen an Emotionssynonymen, etwa im hübschen Moll-Mitsinghit "Antimaterie". Ein Highlight der Platte bietet die Klavier-Rockhymne "In deinen Armen", deren Titel im Refrain natürlich durch ein "finde ich kein Glück" ergänzt wird. "Ich kämpf' mich wie bessessen durch die Betten dieser Stadt", beschreibt Bamborschkes (lyrisches?) Ich eine seiner Überlebensstrategien - doch: "Mit dem Morgen schleicht die Einsamkeit auf leisen sanften Sohlen in das kühle Loch in meiner Brust zurück."

Erlösung und Hoffnung finden er und Isolation Berlin am Ende des überzeugenden, abwechslungsreichen Albums dann überraschenderweise doch noch, und zwar in wunderbaren 80er-Postpunk-Reminiszenzen. Im wütenden Stück "Die Leute" stellt die Band fest, jene "reden so viel Scheiße, es ist nicht zu glauben"; in "Kicks" feiert sie schönsten NDW-Punk und gibt sich zum Abschluss psychedelisch: "Mir träumte, ich wäre tote Materie". Mehr Hoffnung kann man von Isolation Berlin wohl erst einmal nicht erwarten.

Maximilian Haase

Audio CD
Bewertungausgezeichnet
CD-TitelVergifte dich
Bandname/InterpretIsolation Berlin
Erhältlich ab23.02.2018
LabelStaatsakt
VertriebUniversal
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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