Freitag, 22.06.2018
15:12 Uhr


Musik / CD

Joan Baez: Whistle Down The WindAm Ende war die Stille

Laut Zeitungsberichten bewohnt die 77-jährige Joan Baez heute ein verwittertes Anwesen in den kalifornischen Wäldern, unweit des Wohnsitzes von Neil Young. Dort scheint die Protestkultur überlebt zu haben. Als Baez und Bob Dylan sich 1961 kennenlernten, spielte er noch im Vorprogramm und sie bereits ihre eigene Tournee. Sie erkletterte aber noch relativ unpolitisch die Ränge der Folk-Szene. Dylans Stücke erfuhren in ihren Interpretationen größere Bekanntheit und gaben ihr im Gegenzug das Profil, um sich im Folgenden mit zarter Stimme und kraftvoller Message gegen den Vietnam-Krieg und die amerikanische Rassentrennung einzusetzen. Nun schließt die Folk-Sängerin mit einem schwelgerischen Album einen Kreis: "Whistle Down The Wind" ist erklärtermaßen der Schlussakkord einer langen, einzigartigen Karriere.

Seinem Titel und dem Lebensherbst seiner Interpretin entsprechend ist "Whistle Down The Wind" kein aufrührerisches Album geworden, sondern eines, das Bilanz zieht und dabei kein Stück weniger berührt. Den Titelsong entlehnt sie bei Tom Waits. Die Zeile "I can't stay here and I'm scared to leave" kann nicht nur den Auszug aus der Heimat, sondern auch den Beginn eines Lebens außerhalb der Öffentlichkeit thematisieren. Die Titel anderer nachgesungen hat Baez ihre ganze Karriere über, sei es von Dylan, den Rolling Stones oder Bob Marley. Ihre glasklare Intonation, das wiedererkennbare Timbre und die reduzierte Gitarrenbegleitung schienen immer die Inhalte der Texte in den Vordergrund zu rücken.

Dieses Talent hat sie ebenso wenig verloren wie den Bezug zu Musikern, die heute noch Grenzen aufbrechen. Für "Whistle Down the Wind" bediente sie sich auch bei ANOHNI, ehemals Antony Hegarty und musikalisch wie gender-politisch einer der eigenständigeren Künstler unserer Zeit. Die Schließung des Kreises, der sich für Baez über unglaubliche sechs Dekaden Musikgeschichte erstreckt, klingt auf "The Great Correction" hoffnungsvoll, dann auf "Another World" wieder resigniert.

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Der vielleicht herausragendste Moment ist "The President Sang Amazing Grace", ein Stück der kaum bekannten Songwriterin Zoe Mulford. Kraft Baez' Vortrages erinnern wir uns, wie Barack Obama auf einer Trauerfeier für neun ermordete Schwarze im Einklang mit den Gästen das berühmte Spiritual sang, das auf betende Sklaven zurückgeführt wird und seine größte Kraft während des amerikanischen Bürgerkriegs entfaltete. Zeitgleich führen wir uns vor Augen, dass Obamas Nachfolger kurz nach einem Massaker in Florida vermutlich gerade Golf spielt und seinem Volk den Erwerb von Waffen eher erleichtert denn erschwert. Wir werden erst traurig, dann hoffnungsvoll, dann wieder traurig, dann wütend und schließlich ausgelaugt und still.

So ähnlich fühlt man sich auch nach Joan Baez' letztem Album. Man möchte sich bedanken und gleichzeitig kundtun, dass man sie jetzt schon vermisst.

Mathis Raabe

Audio CD
Bewertungüberzeugend
CD-TitelWhistle Down The Wind
Bandname/InterpretJoan Baez
GenreFolk
Erhältlich ab02.03.2018
LabelProper Records
VertriebH'Art
Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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