Web / Reportage

Der König der erweiterten Realität

Corey King über das Augmented-Reality-Game "Clandestine"

Der Nachname ist Programm: Corey King gilt unter Experten als König der Augmented-Reality-Spiele, die uns in Zukunft wie selbstverständlich begleiten sollen. Augmented Reality (also "erweiterte Realität"), auch "Mixed Reality" genannt, verbindet mithilfe von Smartphones und Tablets Eindrücke der realen und virtuellen Welt zu einem neuen Erlebnis. Durch die Verbindung mit der realen Umgebung soll man die totale "Immersion" erleben, also das völlige Eintauchen in eine Parallelwelt, in der Spieler zu echten Akteuren werden. Dass dies längst nicht das Ende der Fahnenstange ist, da ist sich King sicher.

Möglich machen die neue Technik Smartphone- beziehungsweise Tablet-Kamera sowie GPS-Tracking. Mit deren Hilfe kann für den Spieler inmitten der abgebildeten Sicht auf die Straße, auf der er gerade spaziert, ein für andere unsichtbares Ereignis stattfinden. Beispielsweise die Begegnung mit einem freundlichen Außerirdischen. Oder das Brandenburger Tor, vor dem man gerade steht, wird von einem Alien-Mutterschiff attackiert - natürlich unsichtbar für alle mit Ausnahme des Spielers, der in sein Display vertieft ist.

Für diese Art von Unterhaltung steht Corey King, Gründer der Entertainment- und Kunstschmiede ZenFri. Er bedauert den "Fotorealismus" gewöhnlicher Spiele: "Es ist traurig, dass wir so stark danach streben, Technologie lediglich dafür zu nutzen, fiktionale Welten genau so aussehen zu lassen wie die tatsächliche Welt." Ergebnisse, die sich im eigentlichen Leben nicht wahrnehmen lassen, seien doch viel interessanter.

Mit "Clandestine: Anomaly" hat King ein Science Fiction-Spiel erschaffen, das unter Branchenkennern als Meilenstein und erstes "echtes" Augmented-Reality-Game gilt. Die Technik habe das Potenzial, die Menschen nicht nur in eine andere Welt zu teleportieren, wie es auch die meisten erzählenden Medien vermögen. Sondern auch, die eigene wahrgenommene Umgebung und das Leben zu verwandeln. Die Welt könne so auf individuelle Bedürfnisse maßgeschneidert werden: "Ähnlich wie wir, je nach Stimmung, verschiedenste Musikstile anhören, werden wir dies mit unserer visuellen Vorstellung der Wirklichkeit tun. Du bist heute in einer mittelalterlichen Stimmung? Fein, es gibt eine App dafür, die deine Umgebung auf gewünschte Weise abbildet!"

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Auf imposant inszenierte Alien-Angriffe, digitale Kostümfeste und virtuelle Schnitzeljagden will sich Corey King mit seinen Spielideen allerdings nicht beschränken. Er plant nicht weniger als eine Revolution. Denn die Erweiterung der Wahrnehmung der Wirklichkeit wird sich in Kings Augen auch auf unsere Selbstwahrnehmung auswirken. Und ungeahnte Möglichkeiten der Beantwortung der klassischen Frage liefern: Wer bin ich - und wenn ja, wie viele? "Augmented Reality wird jedem von uns erlauben, nicht nur den äußeren Schein der Wirklichkeit zu beeinflussen, sondern auch unsere Identität." Und die sei nichts anderes als Selbstzensur, glaubt King: "Momentan fühlt sich unser reales Leben an wie eine Reihe von Kompromissen, die begrenzen, wer wir sind und wer wir sein wollen. Das geschieht im Dienste einer Anpassung an gesellschaftliche Konventionen." Im Bemühen darum, angepasst zu sein, versuche jeder nur eine Kontinuität hinsichtlich der verschiedenen Seiten seines Selbst zu erschaffen: "Anstatt je nach Stimmung und Situation zwischen verschiedenen Ebenen umzuschalten, versuchen wir, eine einzige Version von unserem Selbst zu erzwingen. Doch wenn wir das Haus verlassen, haben wir das Gefühl, wir spielen diese Rolle oder sind nicht wir selbst."

Sind die Menschen also reif für ein Update der eigenen Persönlichkeit? In Corey Kings Augen auf alle Fälle: "All diese heutigen Anstrengungen, in ein Schema zu passen und eine eindimensionale Persönlichkeit zu sein, werden uns hoffnungslos beschränken und primitiv erscheinen." Sobald man mit Hilfe von Augmented Reality beginne, mit neuen Formen des Selbstkonzepts zu experimentieren, sei dies nicht mehr der Fall: "Dem einen Freund könntest du als Super Mario begegnen, dem anderen als Barbie. Du könntest buchstäblich in diesen verschiedenen digitalen Ebenen leben, dir selbst treu bleiben und gleichzeitig all die unterschiedlichen Seiten deiner Persönlichkeit ausleben."

King hat auch schon genaue Vorstellungen davon, was Augmented Reality für ihn persönlich in petto hat: "Ich möchte wissen, wie es sich anfühlt, als Käfer zu leben oder unter Wasser. Man kann alles erleben, was vorstellbar ist und muss sich nicht nur auf den kleinen, natürlichen Blickwinkel beschränken." Die Technik, so King, kenne keine Grenzen - nur die menschliche Vorstellungskraft.

Michael Eichhammer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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