
Ende letzter Woche: Mein Garten saugt die Regengüsse auf, wie ein trockener Schwamm. Die Schnecken, die bis dahin unsichtbar waren, auch. Sie stürmen über die Wiese ins Blumenbeet, den Steilhang hoch bis auf die Terrasse. Babyschnecken, kleiner, als ein Fingernagel, Nacktschnecken in einem Farbspektrum von dunkelbraun bis orange-rot, Häuschenschnecken in Perlmutt oder Beige mit schwarzen Bändern, alle mit ausgestreckten Fühlern und beeindruckend schnell unterwegs! Was für ein Spektakel! Und voraussichtlich das Ende meiner Zucchini, Tomaten und Blumen. Schon sitzen unzählige Nacktschnecken in der Margerite. Kurzentschlossen schnappe ich mir Handschuhe und einen Eimer und sammle sie ein: 12 pflücke ich alleine aus der Margerite. Als ich hundert Schnecken zusammen habe, höre ich auf. Und jetzt? Töten kann ich sie nicht, es sind ja Lebewesen. Ich bringe sie in den Wald, überlasse sie ihrem Schicksal und mache mich auf die Suche nach dem Sinn eines Schneckenlebens. Bei den Häuschenschnecken ist er schnell gefunden: sie fressen angeblich nur abgestorbene Pflanzenteile, räumen also den Garten auf. Bei den Nacktschnecken wird es schwierig. Dass es Kosmetik aus Schneckenschleim gibt, ist interessant, hilft mir aber nicht. Dass sie auf dem Speiseplan von Amseln, Igeln und Blindschleichen stehen, schon. Die habe ich im Garten. Und jede Menge Insekten: Wildbienen, Honigbienen, eine Hornisse, Libellen, Schmetterlinge, letztens auch einen Maikäfer, bald wieder Glühwürmchen. Käfer und Glühwürmchen fressen Schneckeneier. Die anderen brauchen Blüten. Also schütze ich meine Pflanzen mit Bio-Schneckenkorn und sammle nach dem nächsten Regen wieder Schnecken ein. Diesmal aber nur Nacktschnecken.