
Wenn der Kollege zum „Büro-Ehepartner“ wird
Ein Verbündeter, der uns gut tut. Ein Mensch, der uns in- und auswendig kennt, auf den man sich zu hundert Prozent verlassen kann. Wer möchte den nicht haben? Im ersten Moment klingen diese Beschreibungen nach den Eigenschaften eines klassischen Ehepartners. Doch auch am Arbeitsplatz kann es den einen Menschen geben, der all diese Charakterzüge in sich vereint.
Freunde auf der Arbeit
Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des sozialen Karrierenetzwerks XING hat 2017 ergeben, dass jeder Zweite am Arbeitsplatz schon Freundschaften fürs Leben geschlossen hat. Jeder zehnte Befragte gab außerdem an, eine Vertrauensbeziehung zu einem Arbeitskollegen zu haben, die eheähnliche Züge aufweist. In den USA ist dieses Phänomen seit Jahren fester Bestandteil des Arbeitslebens. Es gibt auch schon diverse Bezeichnungen dafür: Ob „Frollege“ (eine Kombination aus „Freund“ und „Kollege“), „Arbeitsehe“ oder „Work Wife“ bzw. „Work Husband“ – am Ende beschreiben sie alle die tiefe, platonische Freundschaft zu einem Arbeitskollegen.
Das Knüpfen solch enger Beziehungen ist nicht verwunderlich – schließlich verbringen wir jede Woche rund 40 Stunden mit dem Kollegen oder der Kollegin. Bei vielen Menschen sind diese 40 Stunden deutlich mehr Zeit, als sie mit ihrem eigenen Ehepartner oder ihren Kindern verbringen. Das ist auch für Paartherapeut Florian Klampfer aus Berlin der wichtigste Grund, weshalb „Arbeitsehen“ entstehen. Im Interview sagt er, dass die lange Zeit, die man im Arbeitskontext miteinander verbringt, natürlich auch dazu führe, dass man nicht nur über Bürothemen spreche, sondern auch über persönliche Angelegenheiten. Dadurch lerne man sich immer besser kennen. Das könne allerdings zu Problemen mit dem „echten“ Ehepartner führen: „Eine Gefährdung gibt es immer dann, wenn ich in eine Arbeitsbeziehung die Energie gebe, die eigentlich in die (Liebes-)Beziehung gehört. Es gibt Menschen, die suchen sich im Rahmen der Arbeitsbeziehung all das, was sie in der (Liebes-)Beziehung nicht kriegen – zum Beispiel Anerkennung oder Wertschätzung.“ Schwierig werde es dann, wenn man sich diese Bedürfnisse ausschließlich im Büro hole und dabei nicht mehr darauf achte, was man selbst für das Funktionieren der eigenen Ehe tue. Das könne der „Tod“ einer jeden Ehe sein.
Vorteile durch Arbeitsehen
„Arbeitsehen“ weisen daneben aber auch viele Vorteile auf. So haben viele Menschen durch die positiven „vibes“, die durch Freundschaften im Büro entstehen, insgesamt weniger Stress. Außerdem sind viele Arbeitnehmer motivierter und kreativer, wenn sie einen guten Freund um sich haben. All das trägt zur besseren psychologischen Gesundheit bei. Davon profitiert auch der Arbeitgeber.
Eine perfekte Geschlechter-Konstellation gibt es laut Klampfer übrigens nicht. Er sagt, es liege weniger am Geschlecht, sondern viel mehr daran, in welchem Zustand sich beide Kollegen befänden: „Die ideale Konstellation ist dann gegeben, wenn es zwei erwachsene Menschen sind, die wissen, was sie tun, die wissen, was sie sich selber wert sind und die auch ein Stück weit ihre Schatten kennen.“ Sei das gegeben, dann stehe einer erfolgreichen „Arbeitsehe“ nichts mehr im Wege.