
Europäische Zentralbank
Frankfurt/Main (dpa) - Nach monatelangen Gerüchten schafft EZB-Präsidentin Christine Lagarde Klarheit: Die Französin verlässt die Notenbank zum 7. Februar 2027. Über ihren Rücktritt habe Lagarde den Rat der Europäischen Zentralbank sowie den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa, informiert, teilte die EZB in Frankfurt kurz vor ihrem Zinsentscheid mit.
Regulär wäre die achtjährige Amtszeit von Lagarde, die am 1. Januar 71 Jahre alt wird, bis Ende Oktober nächsten Jahres gelaufen. In jüngster Zeit hatten sich Hinweise verdichtet, Lagarde könnte die Führung des Weltwirtschaftsforums in Davos übernehmen.
Für die Zentralbank kommt Lagardes Rückzug in schwierigen Zeiten: Der Iran-Krieg hat die Inflation im Euroraum mit 3,8 im September auf den höchsten Stand seit drei Jahren getrieben. Das Ziel der Notenbank, stabile Preise bei mittelfristig 2,0 Prozent Teuerung zu garantieren, ist vorerst in weite Ferne gerückt.
Suche nach Nachfolger beginnt umgehend
EU-Ratspräsident Costa dankte Lagarde für ihre Verdienste: «Europa hat von ihrer Führung in unsicheren Zeiten und ihrem unerschütterlichen Engagement für das europäische Projekt sehr profitiert», erklärte der Portugiese. «Inmitten einer globalen Pandemie, eines Krieges in Europa, von Energiekrisen und Inflationsschocks hat sie eine beständige und entschlossene Führung gewährleistet und damit dazu beigetragen, die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Euro-Währungsgebiets zu sichern.»
Um einen reibungslosen Übergang an der EZB-Spitze zu gewährleisten, werde das Verfahren für Lagardes Nachfolge noch heute eingeleitet, kündigte Costa an.
Die Bundesregierung macht bereits ihren Einfluss geltend. «Deutschland wird sein Gewicht als größter Staat im Euroraum einbringen, um eine breit getragene und verantwortungsvolle neue Führungsspitze der EZB zu bilden», sagte Finanzminister Lars Klingbeil (SPD). Er sei mit Kanzler Friedrich Merz (CDU) und seinen europäischen Amtskolleginnen und Amtskollegen im engen Austausch.
Poker um Lagarde-Nachfolge
Die Staats- und Regierungschefs der 21 Eurostaaten sind nun gefordert, die Nachfolge der Französin früher zu regeln. Der Abtritt Lagardes ermöglicht es dem scheidenden französischen Präsidenten Emmanuel Macron und Kanzler Friedrich Merz (CDU), noch vor der Wahl in Frankreich im April 2027 die Neubesetzung eines der wichtigsten Spitzenposten in Europa zu klären.
Lagardes Rückzug kommt nicht überraschend. Bereits im Februar 2026 hatte die «Financial Times» berichtet, Lagarde wolle sich vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich zurückziehen. Hintergrund seien Sorgen, dass eurokritische Rechtspopulisten um Marine Le Pen die Wahlen in der zweitgrößten Euro-Volkswirtschaft gewinnen könnten, was die Neubesetzung der EZB-Spitze erschweren könnte.
Mit dem vorzeitigen Rückzug von Lagarde kann Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der als Pro-Europäer gilt, noch Einfluss nehmen. Macron darf bei der Präsidentschaftswahl nicht mehr antreten. Im September bestätigte Lagarde in einem Interview erstmals selbst Überlegungen, sie könnte bei der EZB «ein paar Monate» früher abtreten.
Mehrere Top-Posten zu besetzen
Für die Lagarde-Nachfolge hat sich auch Bundesbank-Präsident Joachim Nagel ins Spiel gebracht. Europas größte Volkswirtschaft Deutschland stellte in der mehr als 25-jährigen Geschichte der Notenbank noch nie die EZB-Spitze. Als Favoriten für die Lagarde-Nachfolge gelten allerdings der frühere niederländische Zentralbankchef Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernández de Cos, der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist.
EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die ebenfalls Interesse an Lagardes Nachfolge angemeldet hatte, wechselt Anfang Januar 2027 zum Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Washington. Damit wird Schnabels Stelle im sechsköpfigen EZB-Direktorium schon bald frei. Ab Juni 2027 braucht die Notenbank zudem einen neuen Chefökonomen, weil dann die Amtszeit von Inhaber Philip R. Lane endet.
Als wahrscheinlich gilt, dass auf europäischer Ebene ein ganzes Personalpaket verhandelt wird. «Die Staats- und Regierungschefs der EU werden voraussichtlich versuchen, die drei Stellen im Direktorium der EZB, die 2027 frei werden, spätestens auf dem EU-Gipfel vom 17. bis 18. Dezember – möglicherweise sogar schon vorher – als Gesamtpaket zu besetzen», vermutet Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Deutschland werde wohl einen Nachfolge-Kandidaten für Schnabel benennen.
Hürden für Deutschen an EZB-Spitze
Als größtes Hindernis für einen Deutschen an der EZB-Spitze gilt, dass bereits die Europäische Kommission von einer Deutschen geführt wird: Ursula von der Leyen. Zwei Deutsche an der Spitze von derart wichtigen Institutionen in Europa - das dürfte im Brüsseler Personalpoker schwer zu vermitteln sein.
Schon zu Beginn der EZB stand ein europäischer Kompromiss: Den Chefposten bekam im Sommer 1998 kein Vertreter der Schwergewichte Deutschland oder Frankreich, sondern der Niederländer Wim Duisenberg. Er schied aus Altersgründen vorzeitig 2003 aus. Seine Nachfolger, der Franzose Jean-Claude Trichet und der Italiener Mario Draghi, erfüllten die volle achtjährige Amtszeit.
Lagarde wollte eigene Akzente setzen
Lagarde trat am 1. November 2019 als erste Frau an der Spitze der EZB mit dem Anspruch an, eigene Akzente zu setzen: Klimaschutz, die Förderung von Frauen und eine bessere Kommunikation der Notenbank. «Wir werden jeden Stein umdrehen», kündigt die stets elegant auftretende Lagarde bei ihrer ersten Pressekonferenz an. Und sie betont: «Ich habe meinen eigenen Stil.»
Das oberste Entscheidungsgremium der Zentralbank, den EZB-Rat, muss die Französin wieder einen: Ihr Vorgänger Mario Draghi hatte kurz vor Ende seiner Amtszeit gegen großen Widerstand eine Verschärfung der ultralockeren Geldpolitik mit Null- und Negativzinsen durchgesetzt.
Krisenmanager im Euro-Tower
Schneller als erwartet war die Juristin Lagarde, die anders als ihre drei Vorgänger nie einer nationalen Notenbank vorstand, als Krisenmanagerin gefordert: Corona-Pandemie, Ölpreisschock, Börsencrash. Anfangs wirkte die frühere französische Wirtschafts- und Finanzministerin und spätere Chefin des Internationalen Währungsfonds, die von sich selbst einmal sagte, sie sei «keine supertolle Ökonomin», in ihrer neuen Rolle unsicher.
So sorgte Lagarde zu Beginn der Corona-Pandemie Anfang März 2020 für Verwirrung an den Finanzmärkten mit der Bemerkung, sie strebe kein «Whatever it takes 2.0» an. Nur eine Woche später schnürte die EZB eilends ein neues Programm zum Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen.
Inflation, Inflation, Inflation
Der russische Angriff auf die Ukraine ließ die Teuerung im Euroraum 2022 auf ein Rekordhoch von fast elf Prozent schnellen, fortan war die EZB in ihrem Kerngebiet gefordert: Die Inflation zu begrenzen und für einen stabilen Euro zu sorgen.
Mit einer beispiellosen Serie von zehn Zinserhöhungen in Folge, die Kredite verteuern und so die Nachfrage bremsen, gelang es der EZB, die Inflationswelle zu brechen. Im Juni 2024 folgt die Zinswende zu wieder sinkenden Leitzinsen. Auch der Iran-Krieg mit dem Ölpreisschock ließ die Inflation anschwellen, schnelle Entspannung ist nicht in Sicht. Der Druck auf die EZB bleibt hoch.


