"So hat es damals angefangen"

Der Hass gegen Juden ist nicht Geschichte in Deutschland. Im Gegenteil, sagen zwei Jüdinnen im Gespräch mit Radio Berg.

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"Meine Mutter hat gesiegt gegen diesen Verbrecher"

Jeanette Hoffmanns Mutter hat das KZ Auschwitz überlebt. Sie war im berüchtigten "Block 10". Ein Arzt führte dort Experimente durch. Er wollte es schaffen, Frauen ohne OP zu sterilisieren. Dazu spritzte er ihnen Stoffe in Gebärmutter und Eileiter, die zu schlimmsten Entzündungen führten. Viele Frauen starben.

Nicht so Jeanettes Mutter. Sie überlebte, überlebte Auschwitz.

Jeanette erzählt bei Radio Berg auch die unglaubliche Geschichte des Wiedersehens ihrer Eltern nach Kriegsende - und von ihrer Geburt, die den Sieg über den Arzt darstellt: Ihre Mutter konnte ein Kind bekommen.

"So hat es damals angefangen"

Wie viele Juden sieht Jeanette Hoffmann heute deutliche Parallelen zu dem, was sich zur Nazizeit vor der Judenvernichtung abgespielt hat: Übergriffe auf einzelne, Attentate auf Synagogen, Beschimpfungen vor Synagogen und Schulen. "So hat es damals angefangen", sagt sie. Deshalb ist es ihr wichtig, die Erinnerung wachzuhalten. Jeanette erzählt ihre Geschichte öffentlich. Zum Beispiel am Holocaust-Gedenktag 2020 in Nümbrecht.

Dass es die AfD geben darf und Demonstrationen von Pegida ist für Jeanette unfassbar. "Ich finde, Deutschland müsste ein Land sein, wo man sich als jüdischer Mitbürger zu hundert Prozent sicher fühlt. Ohne Bewachung, ohne alles. Und eine Partei wie die AfD, Demokratie hin oder her, das darf nicht sein, dass es sowas hier gibt. Das dürfte hier nicht sein."

"Die Zeichen wenden sich in diese Richtung"

... sagt Marion Reinecke aus Nümbrecht im Oberbergischen. "Ich sehe deutliche Zeichen, dass jüdisches Leben vielleicht in Deutschland in der Zukunft nicht mehr möglich ist." Marion weiß genau, wovon sie spricht: Ihr Sohn wurde 2008 in Gummersbach als "Judensau" beschimpft und krankenhausreif geschlagen. Viele Menschen standen tatenlos daneben und haben nicht einmal geholfen, als die Angreifer wieder weg waren."Ich nehme an, die haben genauso gedacht", vermutet Marion.

Antisemitismus ist nach wie vor aktuell in Deutschland, wird in der Wahrnehmung vieler Juden sogar wieder mehr.

Umso wichtiger ist der Gedenktag am 27. Januar für sie und uns alle.

Holocaust - Gedenktag in Nümbrecht

Der Gedenktag wurde 1996 anlässlich des Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau offiziell vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum nationalen Gedenktag erklärt.

Seitdem findet im Oberbergischen Kreis in Nümbrecht jedes Jahr zum 27. Januar eine Gedenkveranstaltung statt, die vom Freundeskreis Nümbrecht-Mateh Yehuda und der Gemeinde Nümbrecht, unter Mitwirkung der Kirchen und jeweils einer Schülergruppe gestaltet wird.

Weiteres Gedenken

In Bergisch Gladbach zum Beispiel erinnern unter anderem diese sechs Stolpersteine an die letzten frei gewählten Wohnorte von NS-Opfern in der Stadt.

Ahornweg 9

Henriette Zimmermann, deportiert 1942, für tot erklärt, am 19.9.1942 von Theresienstadt nach Treblinka transportiert.

Altenberger-Dom-Straße 128

Dr. Erich Deutsch, deportiert 1944, tot 1944 in Theresienstadt

An der Tent 2

Elise Joschkowitz, deportiert 1943, tot 1944 in Theresienstadt

Reinhold Joschkowitz, Jg. 1894, deportiert 1943, Theresienstadt, überlebt

Bärbroich 17

Gertrud Stockhausen, eingewiesen 1932 Heilanstalt Galkhausen, "verlegt" 27.5.1941 Hadamar, ermordet 27.5.1941

Bensberger Straße 188a

Ernst Danzig, gedemütigt/entrechtet, Flucht in den Tod 17.6.1942

Erna Kahn, deportiert 1942, 1943 in Theresienstadt, am 23.1.1943 von Theresienstadt nach Auschwitz transportiert

Hüttenstraße 40

Harry Freymuth, deportiert 1943, tot 1944 in Theresienstadt

Quelle: Stadtarchiv Bergisch Gladbach

Interview mit Jeanette Hoffmann: Über das Schicksal ihrer Mutter - komplette Fassung

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Interview mit Marion Reinecke - komplette Fassung

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Audio - Berichte im Programm:

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