Musik / Backstage

Die Queen of Polit-Provokation

feiert ihren 60. Geburtstag

Für die einen ist sie noch immer die freizügige Rebellin, für andere nichts als eine peinliche Popoma. Egal, welche Ansicht man vertritt: Madonna tritt auf - und alle Welt redet darüber. Auf ihrer letzten Tour zum Album "Rebel Heart" bespielte sie einmal mehr die gesamte Klaviatur der Pop-Provokation - sexy Outfits, Mittelfinger, "Bitch, I'm Madonna". Aber ist sie mit inzwischen 60 Jahren nicht schon zu alt für sowas? Natürlich wird die Sängerin seit ihren Glanzzeiten in den 80er- und 90er-Jahren noch immer zuverlässig als "Queen of Pop" betitelt. Doch mittlerweile ist die (jüngere) Konkurrenz groß. Von deren stilsicheren Exzessen überflügelt, versucht sich Madonna inzwischen immer öfter in einer Art politischem Diskurs.

Was hat sie nicht alles schon gegeben: freizügige Erotikaufnahmen en masse natürlich, zudem sagenumwobene Zungenküsse mit Britney Spears und Christina Aguilera, skandalöse Touren, Sexbücher, dazu eine ganze Sammlung öffentliche Empörung hervorrufender Musikvideos. Es gab eine Zeit, in der Madonna als unangefochtene Meisterin des (sexuellen) Tabubruchs galt: "Ich weiß, ich bin nicht die großartigste Sängerin oder Tänzerin, aber das ist mir egal. Mich interessiert, die Leute aufzurütteln und sie zu provozieren", sagte sie über sich selbst in ihrem Dokumentarfilm "In Bed with Madonna" von 1991. Dabei war die kommerziell erfolgreichste Musikkünstlerin der Welt immer eine Projektionsfläche für Popvergötterer, Prüderieverteidiger und Progressive gleichermaßen.

Ihre natürlich immer auch in verwertbaren Kategorien geplanten Provokationen funktionierten bis vor einigen Jahren hervorragend. Gerade wenn die katholisch aufgewachsene Madonna ihr lustvolles Spiel zwischen Sex, Dominanz und Unterwerfung wie so oft mit religiöser Symbolik verband: Unvergessen ihr legendärer Altar-Sex vor brennenden Kreuzen und einem schwarzen Jesus im Video zu "Like A Prayer". Was der Boulevard als Skandal geifernd aufsaugte und konservative Erzkatholiken als moralverderblich ablehnten, wurde von Feministen als Auflösung eines rückschrittlichen Frauenbildes gefeiert.

So wurde die stilbildende Ikone zu einer zwar bisweilen durchschaubaren, sich aber laufend ändernden Kunstfigur, zum Symbol der Generation MTV schlechthin. Gerade ihre Rebellion gegen überkommene Moralvorstellungen machte Madonna zum konsumierbaren Produkt - ein Widerspruch war das bei ihr nie. Mit ihrer berechnenden Wandelbarkeit hinsichtlich Mode, Stil und Attitüde verwirrte die siebenfache Grammy-Gewinnerin nicht nur Authentizitäts-Fanatiker, sondern prägte das postmoderne "Anything Goes" der letzten 30 Jahre wie keine andere. Heute jedoch, in Zeiten des allgegenwärtigen Skandal-Spektakels, scheint die Mutter der mittlerweile 21-jährigen Lourdes den Anschluss an die nachfolgenden Generationen ein wenig verloren zu haben.

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Die jüngeren Damen um Beyoncé, Lady Gaga und Katy Perry üben sich erfolgreich in provokantem Popfeminismus samt Selbstironie und weiblicher Selbstbehauptung. Und Madonna? Seit die Kritiker in ihr kaum mehr als einen Schatten der Popkönigin von einst sahen, eine gealterte Meisterin der Provokation, die den Zeitgeist nicht mehr prägt, sondern ihm nachläuft, zog sie sich trotzig in ihr abgestecktes Revier als Monarchin des Mainstream zurück. Sie geriet, ganz im New-Age-Trend der 90-er, zur Anhängerin der jüdischen Mystik aus der Kabbala. Zugleich versuchte es die "Evita"-Darstellerin nicht nur als Regisseurin ("W.E.") und Kinderbuchautorin ("Die englischen Rosen"), sondern bediente immer häufiger, wenn auch provokant wie eh und je, aktuelle politische Themen.

Bereits während des Irakkriegs 2003 wurde die in Michigan geborene Madonna nach ihrer Anti-Kriegs-Botschaft im Musikvideo zu "American Life" von mancher Seite als Landesverräterin beschimpft. Ein wenig mehr Unterstützung erhielt die liberale Demokratin, als sie sich 2004 auf ihrer "Lament"-Tour mit einer Performance auf dem elektrischen Stuhl gegen die Todesstrafe aussprach. Symboliken sind und waren ihr Ding: 2012 entblößte sie auf einem Konzert in Istanbul ihre Brust mit der Aufschrift "No Fear" - ein Statement gegen das damals geplante Abtreibungs-Verbot in der Türkei. Im selben Jahr führte sie auf einem Konzert einen Videoclip vor, der die rechtsnationale französische Politikerin Marine Le Pen mit einem Hakenkreuz zeigte. Die Vorsitzende des Front National klagte dagegen.

Vor drei Jahren, zum Erscheinen ihres bis dato letzten Albums "Rebel Heart", ging Madonna politisch erneut in die Vollen: Auf Instagram ließ sie Ikonen des Widerstands wie Martin Luther King und Nelson Mandela im selben Stil darstellen wie ihr eigenes Gesicht auf dem Plattencover. Offensiv erklärte Madonna, die sich nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" engagiert zu Wort meldete, im Interview mit einem französischen Radiosender: "Es fühlt sich derzeit so an, als wäre Frankreich inzwischen ein wenig wie Nazi-Deutschland", vor allem sei "der Antisemitismus auf einem traurigen Höhepunkt angekommen", erklärte sie damals. Umso mehr freute sich Madonna 2017 über den Wahlsieg des liberalen Emmanuel Macron, den sie bei Instagram mit einem euphorischen "Vive La France!" kommentierte.

Wie politisch sie ist, zeigte Madonna zuletzt aber vor allem wieder an der Heimatfront. Ihre aktuelle Zielscheibe: US-Präsident Donald Trump, natürlich. Sie spiele mit dem Gedanken, "das Weiße Haus in die Luft zu jagen", erklärte Madonna im Januar 2017 beim "Frauenmarsch" von Washington - bei der Wortwahl mussten nicht nur Republikaner, sondern sicher auch ein paar Fans schlucken. Gegenüber der italienischen "Vogue" deutete Madonna kürzlich sogar an, sie sei wegen Donald Trump und seiner Politik nach Portugal umgezogen, denn bekanntlich erlebe Amerika "zurzeit keine Glanzstunde". Ein rebellisches Herz hatte Madonna sicher einmal, und noch immer besitzt die "Queen of Pop" gute Absichten und aufklärerische Ideale. Wie kaum eine andere jedoch vermag sie es, diese auch in wirksame Marketingstrategien zu verwandeln. Darin war und bleibt sie eben Königin.

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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