Musik / Backstage

"Wir müssen nicht den kleinen Mädchen gefallen"

lädt ein zur ersten Heavy-Metal-Kochshow: "rock.kitchen" läuft ab 6. September bei DMAX (donnerstags, 23.15 Uhr)

"Die Geschichte ist bei einer guten Flasche Wein entstanden": Udo Dirkschneider, 66 Jahre alte Heavy-Metal-Legende, erinnert sich gern an den Abend, an dem ihm die befreundete TV-Produzentin Brigitte Emmrich einen unerhörten Vorschlag unterbreitete. Allerdings musste sie ihn nicht lange überreden. Der Mann, der einst die Band Accept gründete, mit seinen Mitstreitern der Wacken-Fraktion Evergreens wie "Balls To The Wall" beschert hat und heute mit seiner Band U.D.O. oder wahlweise dem Projekt Dirkschneider die Konzerthallen füllt, als Gastgeber für eine neue Kochsendung? - Er fand, dass das gar nicht so verrückt ist, wie es klingt, und sagte zu. Am 6. September geht "rock.kitchen" (donnerstags, 23.15 Uhr, bei DMAX) erstmals über den Äther. Den Zuschauer erwartet keine Kochshow im klassischen Sinne, sondern eher eine Art "alfredissimo!' für Metal-Fans": Wie einst Biolek nimmt sich Dirkschneider Zeit, um mit seinen Gästen nicht nur zu kochen, zu essen und zu trinken, sondern auch ausführlich zu reden und herumzualbern. Man darf gespannt sein, welche Geständnisse er den Szene-Helden von Bands wie Sabaton, In Extremo, Powerwolf, Apocalyptica oder JBO entlockt. Er würde das Ganze auch eher "Kochen mit Freunden" nennen, meint Dirkschneider, und kündigt genüsslich Leckereien der Marke "Botox-Hühnchen" oder "Selbstgemachte Grusel-Grillwurst" an ...

teleschau: Hält Heavy Metal jung, Herr Dirkschneider, oder ist angesichts des Lebensstils und all des Lärms eher das Gegenteil der Fall?

Udo Dirkschneider: Metal hält natürlich jung, das sage ich aus voller Überzeugung. Ich kenne zwar nur dieses Leben, kann also nicht vergleichen, habe aber keine Probleme damit. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es mit mir schnell zu Ende gehen würde, wenn ich plötzlich Schluss mit der Musik machen würde!

teleschau: Weil Sie ohne Musik nicht leben können?

Dirkschneider: Eher ohne eine Aufgabe. Ich brauche einfach etwas Sinnvolles zu tun und könnte niemals so ein Best-Ager-Leben führen, bei dem man mit Kaffee und Kuchen auf das Ende wartet. Also mache ich weiter, so lange wie es eben geht. Oder anders: Ich höre dann auf, wenn's am schönsten ist!

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teleschau: Wie weiß man, dass es soweit ist?

Dirkschneider: Das ist die Frage. Ich hoffe nicht, dass das in den nächsten zehn Jahren der Fall sein wird (lacht). Ich bin ein Musiker, der seinen eigenen Weg sehr genau beobachtet und einschätzen kann. Meine Karriere hatte schon viele Höhen und Tiefen. Phasenweise, denken wir an die Grunge-Ära, ging fast gar nichts. Im Moment läuft es aber fabelhaft, die Hallen sind voll, die Festivals fast so groß wie damals in den 80-ern - aber bevor es noch einmal steil bergab geht, danke ich ab. Ich denke, ich kann das rechtzeitig wahrnehmen. Und wenn Schluss ist, dann ist bei mir wirklich Schluss. Ich gehöre nicht zu jenen, die fünf Abschiedstourneen machen und dann immer noch weiterspielen.

teleschau: Sie sind jetzt 66. Ihr Namensvetter, Udo Jürgens, hat ja einst behauptet, da fange das Leben erst so richtig an ...

Dirkschneider: (lacht) Und er lag damit nicht so verkehrt! Das Alter ist für mich kein Thema, es ist ja nur eine Zahl. Was zählt, ist, wie man sich fühlt. Ich fühle mich gesund, habe noch keine Probleme damit, ausgiebig zu touren. Wobei, wir sind keine Boygroup, ich mache nicht den großen Hampelmann auf der Bühne - so was war noch nie mein Ding. Wir müssen auch nicht den kleinen Mädchen gefallen. Es geht um Musik. Das ist das Gute.

teleschau: Sie gründeten Accept vor 50 Jahren ...

Dirkschneider. Nicht ganz. 1968 gründete ich zuerst die Band X, die sich 1971 in Accept umbenannte. Richtig erfolgreich wurden wir erst Anfang der 80er-Jahre. Heute sage ich, es war gut, dass ich damals immerhin fast 30 Jahre alt war und erste Erfahrungen im Musikgeschäft hatte. Das half mir bei der Einordnung. Es waren verrückte Jahre, und ich hätte beim besten Willen nicht gedacht, dass ich mit 66 Jahren immer noch durch die Welt kurve und Metal mache, dass ich noch auf der Bühne stehe - und zum Teil die gleichen Songs wie damals spiele und dafür gefeiert werde. Ich bin mir bewusst, was für ein privilegiertes Leben wir führen. Ein großes Glück.

teleschau: Dachten Sie je über eine Alternative zum Künstler-Dasein nach?

Dirkschneider: Nee, nie. Weil mir immer klar war, dass das nichts für mich wäre - jeden Tag um 8 Uhr morgens im Büro zu sitzen oder an der Werkbank zu stehen. Es gab zwar Phasen, in denen es alles andere als gut lief. Aber dem begegnete ich immer mit der Einstellung: Jetzt erst recht! Ich bin ein Stehaufmännchen, lass' mich nicht unterkriegen. Hört sich platt an, macht in dem Geschäft aber viel aus. Ich habe schon so viele Bands kommen und gehen sehen. Viele, die über ein paar Jahre total gehypt wurden, sind wieder verschwunden. Ich bin immer noch da.

teleschau: Was braucht es für so eine lange Karriere noch, außer Durchhaltevermögen?

Dirkschneider: Ich kann ja nur für mich sprechen. Ich glaube, da war mitentscheidend, dass ich mich nie verbiegen ließ und mir immer treu blieb - gemäß dem Motto: "Schuster bleib' bei deinen Leisten." Mir redet keiner rein - auch wenn das immer wieder Menschen versucht hatten. So etwas wird von den Fans honoriert - wenn ich heute in Wacken vor 80.000 Menschen spiele, habe ich zumindest das Gefühl, dass dem so ist. Da fühle ich schon auch Stolz, keine Frage.

teleschau: Was tun Sie, um sich für den anstrengenden Job in Form zu halten?

Dirkschneider: Nicht viel, immerhin treibe ich ein kleines bisschen Sport: Ich lebe die meiste Zeit des Jahres auf Ibiza, dort gehe ich viel am Strand spazieren und schwimme viel. Und ich versuche mich gesund zu ernähren.

teleschau: Mit Heavy Metal verbindet man ja vieles - gesunde Ernährung jedoch nicht unbedingt!

Dirkschneider: Stimmt. Ich glaube, dass wir für viele Leute nie etwas anderes als Steaks und Bier zu uns nehmen. Aber das ist natürlich ein Klischee, mit dem ich jetzt einmal aufräumen muss: Für mich und die meisten meiner Kollegen in der Szene ist die Ernährung ein entscheidender Faktor - eine Tournee hältst du ohne vernünftiges Essen nicht durch. Nur Fast Food und zu viel Alkohol - da würde ich nach zwei Wochen von der Bühne kippen. Bedenken Sie: Wir müssen über eine Strecke von vielen Wochen jeden oder jeden zweiten Abend auf die Bühne. Das frisst Energie.

teleschau: Wie gut ist das Catering heutzutage?

Dirkschneider: Es ist in Ordnung. England ist immer noch schlimm, was vermutlich mit der Englischen Küche an sich zu tun hat. In Skandinavien und Spanien mache ich die besten Erfahrungen, Deutschland ist auch sehr gut - endlich, muss man sagen. Vor 15 Jahren war das, was einem so vorgesetzt wurde, schon grenzwertig. Kartoffelsalat mit Bockwurst, sag' ich nur!

teleschau: Irgendwann haben sich die Bands das nicht mehr bieten lassen?

Dirkschneider: So ungefähr. Kann schon sein, dass ich die Bookingagenturen auch ein bisschen genervt habe. - Jede Band, die es sich leisten konnte, hatte sowieso ihr eigenes Catering mit eigenem Koch dabei ... Nur kann nicht jeder bei AC/DC oder Metallica spielen. Es hat sich Gott sei Dank viel getan seit jenen Tagen, die Veranstalter haben den Zusammenhang zwischen der Qualität des Caterings und der des Auftritts verstanden. Außerdem reichen wir Bands Cateringlisten ein, auf die in der Regel eingegangen wird. Worauf man manchmal hinweisen muss, ist die Bedeutung des Frühstücks. Wenn du nach einer langen Nacht früh, also für normale Leute heißt das: eher mittags, in die Halle kommst, um alles für den Auftritt vorzubereiten, brauchst du etwas Gesundes. Auch für Heavy Metal-Musiker ist das die wichtigste Mahlzeit am Tag!

teleschau: Worauf achten Sie besonders?

Dirkschneider: Es darf nicht zu fettig und nicht zu schwer sein. Ansonsten muss es einfach ausgewogen und gesund sein - nichts Besonderes. Wenn ich zu Hause koche, bevorzuge ich die WOK-Küche. Ich koche also durchaus selbst, muss aber eingestehen, dass ich kein brillanter Koch bin (lacht).

teleschau: Wenn man das so hört ... Was ist von Sex, Drugs und Rock'n'Roll noch übrig geblieben?

Dirkschneider: Nicht viel (lacht). Das war, glaube ich, allgemein auch eher ein Ding der 80er-Jahre. Wobei: Es war nur Sex und Rock'n'Roll in meinem Fall. Ich hatte mit Drogen nie etwas am Hut. Ich habe gesehen, wie schlimm Drogen Menschen verändern können und schon sehr früh einen Mitmusiker an Heroin sterben sehen. Das hat sich bei mir alles so eingebrannt, dass ich stets die Finger von Drogen gelassen habe.

teleschau: Wenn Sie noch einmal 18 wären, würden Sie wieder den gleichen Weg einschlagen?

Dirkschneider: Ja, ich glaube schon. Gut wäre natürlich, wenn ich dann auch mit dem Wissen von heute durchstarten könnte (lacht). Obwohl, wenn ich es mir recht überlege ... Nein. Das Schöne am Leben ist doch, dass man sich immer wieder überraschen lassen muss und nie auslernt.

teleschau: Inzwischen sitzt Ihr Sohn Sven bei Ihrer Band U.D.O. am Schlagzeug. Wer passt da eigentlich auf wen auf?

Dirkschneider: Gute Frage, aber ich muss Sie enttäuschen: Wir sind in der Band nicht Vater und Sohn, sondern Kollegen, das läuft professionell ab. Wenn wir in der Familie mal etwas zu besprechen haben, tun wir das außerhalb des Bandkontextes. Diese klare Trennung war von Anfang an die Prämisse, als er vor knapp bei drei Jahren bei uns einstieg. Ohnehin ist unser Verhältnis nicht wie Vater und Sohn, sondern freundschaftlich. Wir sind beste Kumpels, können alles besprechen, und er macht einen Höllenjob. Es läuft sehr gut. Wie gut, das hört man auf dem neuen U.D.O.-Album.

teleschau: "Steelfactory" wurde am 31. August veröffentlicht. Wie nervös waren Sie vor dem Release?

Dirkschneider: Ich war total nervös! Nach all den Jahren hat sich an der Aufregung vor einem neuen Album überhaupt nichts verändert. Es sagen ja viele Musiker, dass ein neues Album fast so ist, als würde man ein Baby zur Welt bringen. Das kann ich nur bestätigen. Die Zeiten sind ja nicht leichter geworden, was CD-Verkäufe angeht. Social Media und YouTube bringt uns zwar wahnsinnige Möglichkeiten und eine große Nähe zu unseren Fans, aber auf den Markt wirkte sich das Ganze eher verheerend aus. Deinen Lebensunterhalt verdienst du heute auf Tour, und da musst du schon gut sein. Da hat sich viel verändert - junge Bands haben es viel schwerer als wir damals.

teleschau: Das Erstaunliche ist, dass der Heavy Metal die Jahrzehnte überdauert hat wie sonst nur ... Schlager!

Dirkschneider: Das ist so - die Parallele zum Schlager ist mir auch schon aufgefallen. Ich bin auch überzeugt, dass es beides in 20 oder 30 Jahren noch geben wird. Warum der Schlager so resistent ist, vermag ich nicht zu sagen. Beim Metal ist es auf jeden Fall so, dass den Protagonisten eine gewisse Ehrlichkeit zugeschrieben wird. Man vertraut sich, fühlt sich einander verbunden - dann wird man eben auch zusammen alt. Andererseits sind gerade seit drei, vier Jahren wieder viel mehr junge Leute auf den Konzerten, nicht nur in Wacken, sondern überall auf der Welt. Es gibt auch weiterhin neue, aufregende Bands. Die Unverwüstlichkeit des Metals hat wohl auch damit zu tun, dass sich die Musik wunderbar eignet, um mal ein paar negative Gefühle loszuwerden - oder einfach die Sau rauszulassen. So ein Ventil brauchen wir doch mehr denn je, oder?

Frank Rauscher

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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