Mittwoch, 14.11.2018
12:45 Uhr


Musik / CD

Orphaned Land"Wir sind keine Feinde, wir sind alle Menschen"

Die Metalband Orphaned Land spricht in einer Moschee über ihr neues Album

Eine Moschee ist nicht unbedingt der Ort, an dem normalerweise Interviews mit Heavy-Metal-Bands stattfinden. Aber Orphaned Land sind auch alles andere als eine normale Heavy-Metal-Band. Die aus Israel stammenden Musiker thematisieren religiöse und politische Konflikte, verbinden Orient und Okzident, und setzen auch mit ihrem neuen Album "Unsung Prophets & Dead Messiahs" (erscheint am 26. Januar) wieder ein Zeichen für Verbrüderung. Für das Interview zur Platte und ihrer Musik haben sie sich die liberale, von der Rechtsanwältin Seyran Ates gegründete Berliner Ibn Rushd-Goethe Moschee ausgesucht. Auch das ist natürlich ein Statement. Sänger Kobi Farhi (42) kam mit einem Koran als Gastgeschenk.

teleschau: Herr Farhi, warum treffen wir uns ausgerechnet in dieser Moschee?

Kobi Farhi: Nun, wir haben immer religiöse Aspekte in unserer Musik. Auf der Bühne sehe ich aus wie Jesus Christus. Ich bin Jude. Ich verwende aber auch muslimische Motive. Und ich hörte von dieser Moschee. Sie wird von einer Frau geleitet, die deshalb in Schwierigkeiten kam - bis hin zu Todesdrohungen. Seyran Ates ist eine Art Rebellin. Und das unterstütze ich. Frauen sollten gleichberechtigt sein. In der Wirtschaft, aber auch in der Moschee, in der Synagoge und der Kirche.

teleschau: Sind Sie selbst ein religiöser Mensch?

Farhi: Nein. Ich habe sehr viel Respekt für Religion, aber ich praktiziere sie nicht. Denn meiner Meinung nach benötigen diese Systeme ein Upgrade. Ich wäre religiöser, wenn beispielsweise diese Moschee hier allgemein anerkannt werden würde. Ich bin allerdings religiös in dem Sinne, dass ich versuche, gute Dinge zu tun und Botschaften des Friedens zu verbreiten.

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teleschau: Sie sind also sozusagen ein Geistlicher des Heavy Metal.

Farhi (lacht): In gewisser Weise ist der Heavy Metal tatsächlich so etwas wie eine Religion. Schauen Sie sich nur an, wie sich die Fans kleiden. Es gibt eine Art Dresscode. Und an den Konzerten praktizieren sie ihre Religion, indem sie beispielsweise headbangen. So sehr unterscheidet sich das gar nicht von einem Betritual. Aber es gibt doch zwei Unterschiede: Der Heavy Metal versucht nicht, an dein Geld zu kommen. Und er erzählt dir auch nicht: "Wenn du keinen Heavy Metal hörst, wirst du in der Hölle schmoren."

teleschau: Orphaned Land werden oft als "Pioniere des Oriental-Metal" bezeichnet. Gefällt Ihnen dieser Titel?

Farhi: Schon. Weil ich glaube, dass wir auf eine gewisse Weise ein neues Heavy-Metal-Genre an den Start gebracht haben. Im Rock'n'Roll gab es so etwas schon vorher, die Beatles zum Beispiel brachten indische Musik mit ein. Aber im Heavy Metal waren wir vor 26 Jahren die ersten. Der Oriental Metal vergrößert und erweitert die Szene.

teleschau: Mittlerweile hat sich herumgesprochen, was für eine Art Musik Sie machen. So kam es unter anderem auch zu einer Kollaboration mit dem ehemaligen Genesis-Gitarristen Steve Hackett, der auch als Gastmusiker auf Ihrem neuen Album vertreten ist.

Farhi: Ja. Er schrieb mal einen Song für den Frieden im Nahen Osten. Er wollte, dass ich darauf singe und bat mich, auch einen arabischen Freund mitzubringen, der dann ebenfalls sang. Anschließend fragte er mich: "Soll ich dich bezahlen oder vielleicht ein Solo für euer nächstes Album aufnehmen?" Und ich antwortete: "Was soll ich mit Geld? Mir neue Schuhe oder eine Jacke kaufen? Natürlich möchte ich, dass du ein Solo beisteuerst!" Das kann ich später meinen Enkelkindern vorspielen. Das ist ein Traum, der wahr wurde.

teleschau: Inhaltlich beschäftigt sich das Album auch mit dem antiken Philosophen Plato.

Farhi: Um genau zu sein: Mit dem Höhlengleichnis von Plato. Darin sitzen alle in einer Höhle, starren auf die Schatten an der Wand und denken, dass dies die Realität sei. Wenn aber einer hinausgeht und von Sonne, von einem blauen Himmel und singenden Vögeln erzählt, dann glaubt ihm keiner, und er wird umgebracht. Sokrates, Jesus Christus, Che Guevara, Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Rabin, Sadat: Sie alle wurden umgebracht, weil sie versuchten, die Menschen aus Platos Höhle herauszuführen. In ein besseres Leben. Plato verstand das vor 2.500 Jahren bereits. Das ist ein Muster. Das ist die Essenz der menschlichen Tragödie. Die Technik schreitet fort, aber die Menschen ändern sich nicht. Wir sind immer noch in der Höhle gefangen. Das hat auch etwas damit zu tun, warum wir gerade diese Moschee ausgewählt haben, um dort über unser Album zu sprechen.

teleschau: Was kommt bei Orphaned Land zuerst: Die Musik oder die Message?

Farhi: Oh je. Auf die Frage kann ich keine definitive Antwort geben. Weil Musik magisch ist. Du kannst wegen ihr weinen. Wegen Schallwellen weinen? Gibt es das? Verrückt. Aber sagen wir so: Jeder kann von uns nehmen, was er möchte. Die Musik oder die Message oder beides. Es ist eine freie Welt.

teleschau: Eine fast freie Welt. Es gibt immer noch viele Länder, in denen Sie nicht auftreten dürfen.

Farhi: Das stimmt. Wir sind bislang in knapp 50 Ländern aufgetreten. Aber nie in den Nachbarstaaten meines Heimatlandes, obwohl wir auch dort Fans haben. Zu diesen pflegt Israel keine diplomatischen Beziehungen, also darf ich nicht einreisen.

teleschau: Die etwas skurrile Konsequenz daraus ist, dass viele Fans aus diesen Nachbarstaaten in Drittländer reisen müssen, um Orphaned Land zu sehen.

Farhi: Genau. Viele Flüchtlinge aus Syrien haben beispielsweise in Deutschland das erste Mal ein Konzert von uns besucht. Unsere Shows sind voll von Flüchtlingen, die Metalheads sind. Sie warten vor den Clubs auf uns und bringen uns Geschenke. Aber sollten das nicht eigentlich unsere "Feinde" sein? Quatsch. Das zeigt doch, dass uns die Politiker die ganze Zeit nur bescheißen. Wir sind keine Feinde. Wir sind alle Menschen.

teleschau: In Deutschland erleben Sie nun als israelische Metalband genau die Freiheit, die Sie sich wünschen. Das muss für Sie auch etwas Besonderes sein ...

Farhi: Ich weiß, was Sie meinen. Als Musiker einer israelischen Band, die für Einigkeit und Freundschaft einsteht, betrachte ich die deutsch-israelische Geschichte als eine inspirierende. Erinnern wir uns, wie der Zustand vor gerade mal etwas mehr als 70 Jahren war. Und heute? Heute rauchen Israelis und Deutsche gemeinsam mal eine Tüte, machen Liebe und tanzen zusammen. Das zeigt doch, dass wir jeden Konflikt überwinden können. Das ist eine Geschichte der Hoffnung.

teleschau: Hoffnung ist auch ein Thema, welches eng mit der Entwicklung im Nahen Osten verbunden ist. Zu Beginn des Songs "Only The Dead Have Seen The End Of War" hört man Sirenen. Diese gehören in Ihrer Heimat bisweilen noch zum Alltag.

Farhi: Ja. Jedes Mal, wenn die Sirenen ertönen, müssen wir rennen, um Schutz zu finden. Sie sind Teil unseres Lebens. Denn der Krieg ist Teil unseres Lebens. Und nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen, wie der Titel sagt. Diesen beängstigenden ersten Moment zu erzeugen, welchen das Heulen der Sirenen auslöst, war meine Intention.

teleschau: Auf dem Album sind auch ein paar "Piep"-Töne zu hören. Was hat es damit auf sich?

Farhi: Wir zensieren uns damit selbst. Es ist nicht die Plattenfirma oder irgendeine Kontrollinstanz. Wir sind es selbst und benutzen dies als musikalisches Motiv, das wir beispielsweise über sogenannte "schmutzige" Wörter legen, die ich schrieb. Wir verwenden den Klang von Sirenen, den Klang von Zensur und Propaganda. Das ist Teil unserer Message und unseres Protests.

teleschau: Diese Message wird auch, um bei Plato zu bleiben, "in der Höhle" gehört. Haben Sie manchmal Angst, wenn Sie auf der Bühne sind?

Farhi: Ich habe immer Angst. Es gab ein paar Momente, in denen ich auf der Bühne stand und mich fragte: "Was, wenn sie mich jetzt hier erschießen?" Ich stehe hier oben und bin in gewisser Weise ausgesetzt. Jemand kann einfach reinlaufen und abdrücken. Die Clubs sind ja nicht immer so gut gesichert wie in Israel. Aber dann denke ich wieder: "Was soll ich denn sonst tun? Daheimbleiben?"

teleschau: Das Dilemma von Menschen, die erkannt haben, wie es außerhalb der Höhle aussieht ...

Farhi: Als der arabische Frühling stattfand, sah ich ein Foto, auf dem jemand ein Plakat hochhielt. Darauf stand: "Es ist besser, für etwas zu sterben, als für nichts zu leben." Ich will natürlich nicht sterben. Aber ich will etwas tun. Das Plakat gibt mir Hoffnung. Ohne Hoffnung bin ich verloren. Es ist wie bei der Frau, die diese Moschee hier eröffnet hat. Sie bekommt Todesdrohungen. Aber was soll sie sonst tun? Eine Bäckerei eröffnen?

teleschau: Können Sie uns zum Schluss einen Moment der Hoffnung mitgeben?

Farhi: Wir traten einmal in der Türkei auf bei einem Festival. Das Publikum bestand aus Muslimen, aus vielen Arabern. Ich ging auf die Bühne und sagte: "Ich sehe hier überall Fahnen: vom Libanon, von Ägypten, dem Iran, dem Irak, der Türkei. Wir sind Orphaned Land aus Israel. Sind wir nicht alle Brüder?" Und es brach ein Sturm der Begeisterung los. In solch einem Moment fühlst du, dass du den Funken der Hoffnung in deinen Händen hältst. Dass es immer noch etwas gibt, für das es sich lohnt, morgens aufzuwachen.

Alexander Diehl

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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