Dienstag, 18.09.2018
19:29 Uhr


Games / Spieletests

Kingdom Come: DeliveranceHauen und Stechen in Böhmischen Dörfern

Keine Lust mehr auf Zwerge, Elfen, Drachen und schlecht gelaunte Orks? Dann schnell einen umfangreichen Open-World-Urlaub im alten Böhmen buchen: Das tschechische Mammut-Rollenspiel "Kingdom Come: Deliverance" bietet Mittelalter ohne Mystik und Monster. Die Erzählung um einen verwaisten Schmiede-Sohn auf Rache-Tour erhebt Anspruch auf historische Genauigkeit. Zu Recht? Und kann nüchternes Mittelalter überhaupt Spaß machen?

Die Vergangenheit als Schauplatz ist beliebt wie eh und je - und im Zweifelsfall wird sie einfach großzügig den eigenen Vorstellungen angepasst. Denn die löchrige historische Faktenlage zur "Ritterzeit" bietet jede Menge Interpretationsspielraum. Wie zum Beispiel für nationalistische Strömungen, die sich die Zeit zwischen dem 6. und 15. Jahrhundert gerne zu eigen machen, um ihre verdrehten Ansprüche zu untermauern.

Eine Debatte übrigens, die sich auch die Warhorse Studios hinter "Kingdom Come Deliverance" gefallen lassen müssen: Nicht nur, dass man hier den Anspruch auf "realistisches Mittelalter" erhebt - obendrein häuften sich in den Wochen vor der Veröffentlichung Vorwürfe über die politische Gesinnung in der Chef-Etage des Studios, von denen man sich in zahlreichen Interviews distanzierte. Entsprechend kritisch wird das fertige Produkt jetzt von Journalisten und Spielern beäugt.

"Kingdom Come" lässt sich diesbezüglich nichts zuschulden kommen. Tatsächlich ist das Spiel hier und da politisch so korrekt, dass man es mit der Realität auch mal nicht so genau nimmt. Wie zum Beispiel bei der Darstellung des schönen Geschlechts, das hier emanzipierter auftreten darf, als man es mittelalterlichen Gesellschaften gemeinhin zugesteht. Oder beim Alter des Protagonisten, der als naiver Mittzwanziger dargestellt wird, obwohl man zu dieser Zeit oft schon mit 16 Familienvater war.

An diesen Stellen ist das Open-World-Rollenspiel mehr interaktiver Ritterfilm als historische Lehrstunde - ebenso wie in den packend inszenierten Zwischensequenzen, die den Leidensweg von Held Heinrich illustrieren.

mehr Bilder

Doch lässt man die Detailsuche nach historischen Verfehlungen ruhen, erzählt "Kingdom Come" eine spannende Geschichte: Die Eltern des sorglosen Schmiede-Sohns werden zum Opfer eines Feldzugs. Heinrich selbst entkommt den kumanischen Söldner-Horden des ungarischen Königs nur knapp - danach sinnt er auf Rache und spielt schließlich eine tragende Rolle bei der Wiederherstellung der ursprünglichen Herrschafts-Verhältnisse.

Dabei führt ihn sein Weg durch Dörfer, Burgen, Wälder und Felder des heutigen Tschechiens - ein aus der Ego-Perspektive begehbares Terrain, das nicht mit der Größe oder Klasse eines "Witcher 3" gleichziehen kann, aber vor allem durch seine authentische Schmucklosigkeit punktet.

Gerade auf starken Gaming-PCs, Xbox One X und PS4 Pro gefällt die Kombination aus Wald, Flur und schlichter Bebauung durch tolle Detailzeichnung sowie schicke Licht-Effekte. Etwas weniger hübsch sind die oft grobschlächtigen Bewohner und ihre marionettenhaften Animationen. Trotzdem hauchen starke Hauptfiguren und komplex verzweigte Dialoge der Handlung viel Leben ein - und damit einer Geschichte, die sich irgendwo zwischen mittelalterlichem Melodram und modernem Blockbuster-Pathos einordnet.

Dem anfänglichen Abenteuerwunsch von Held Heinrich wird dabei clever die Erbarmungslosigkeit der Realität gegenübergestellt. Denn in der Welt von "Kingdom Come Deliverance" wird einem nichts geschenkt. Die Regeln der modernen Open-World-Bequemlichkeit hat man dafür großräumig außer Kraft gesetzt: Spielhinweise und Markierungen sind ebenso selten wie Geld oder Spielstände. Letzere werden entweder automatisch vom Programm oder durch den Genuss von seltenem "Retterschnapps" angelegt.

Das ungewöhnliche Speicher-System steigert auf clevere Weise den Schwierigkeitsgrad und die Bedeutung unabänderlicher Entscheidungen, hat aber auch seine Tücken: Wer zum Opfer eines Bugs wird und danach wegen Retterschnaps-Knappheit die letzte Stunde noch mal spielen muss, dem schwillt zu Recht der Kamm, zumal das Spieltempo ohnehin ein langsames ist. Auch das Ableben im Kampf entwickelt sich schnell zum Ärgernis: Das Wechselspiel aus oft hektischem Hauen, Stechen und Parieren ist längst nicht so taktisch wie erhofft und der Tod deshalb ein ständiger, mitunter nervtötender Begleiter.

Wer mit "Kingdom Come" ins alte Böhmen abtauchen will, benötigt ohnehin eine gesunde Frust-Toleranz: Viele Spielmechaniken wie das Schlösser-Knacken oder Feilschen mit Händlern sind eher fummelig als anspruchsvoll. Hier ächzt und keucht der Titel unter seinem übertriebenen Authentizitäts-Anspruch, während er an anderer Stelle auf Realismus pfeift.

Immerhin: Hat man sich nach einigen harten Stunden erstmal geduldig eingearbeitet, bietet das Warhorse-Debüt ein angenehm intensives Erlebnis abseits der üblichen Fantasy-Soße. Das gleicht mit all seinen ausschweifenden Dialogen manchmal eher einem Telltale-Adventure als einem Rollenspiel - doch das tut der gelungenen Stimmung keinen Abbruch. Wer einen zwar nicht erholsamen, aber dafür packenden Urlaub von Drachen, Elfen und Zwergen braucht, der ist hier goldrichtig. Bleibt nur zu hoffen, dass Warhorse die noch zahlreichen Bugs - darunter viel zu leise abgemischte Stimmen - bald bereinigt.

Robert Bannert

Game
SpielnameKingdom Come: Deliverance
HerstellerWarhors Studios
VertriebDeep Silver
Erhältlich ab14.02.2018
Bewertung Gesamtgut

Erhältlich für:
PlayStation, Xbox

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


Versenden Drucken

Weitere Artikel


Ticketshop

Sicher Dir im Radio Berg Ticketshop die Tickets Deiner Wunschveranstaltung!

Anzeige
Zur Startseite